Leitartikel Leitartikel: Ein Gefühl von Krise

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Ulm / Ulrike Sosalla 14.12.2017
Die Wirtschaft boomt, doch viele Bürger spüren eine latente Krisenstimmung. Und sie haben recht, denn die Ungleichgewichte wachsen. Ein Leitartikel.

Was die Wirtschaft angeht, ist die Lage besser als die Stimmung. Genau genommen ist die Lage, glaubt man den großen Forschungsinstituten, in Deutschland so gut wie lange nicht. Einige Auguren warnen sogar vor Überhitzung. Die meisten Menschen nehmen das achselzuckend bis empört zur Kenntnis, denn ihre Wirklichkeit fühlt sich anders an: nach einer lauernden Krise.

Das Paradoxe ist: Beide haben recht. Denn der Aufschwung, den die deutsche Wirtschaft zweifellos erlebt, kommt bei einem Teil der Menschen nicht an – und da, wo er ankommt, könnte er schon bald wieder vorbei sein. Das spüren viele, auch wenn sie es nicht in ökonomische Modelle fassen können.

Das Paradox gründet darin, dass die gleichen Triebkräfte, die den Aufschwung befeuern, ihn zugleich gefährden. Denn Wachstum, Bauboom und die Rekordeinnahmen des Staates werden angetrieben von der Politik des billigen Geldes, die die Zentralbanken seit Jahren fahren. Unternehmen und Bauherren erhalten leichter Kredite, die Firmen stellen ein, die Arbeitslosigkeit sinkt, steigende Gewinne und Löhne treiben die Staatseinnahmen in die Höhe – ein segensreicher Kreislauf. Auf der einen Seite.

Doch gleichzeitig treibt die hohe Nachfrage nach Immobilien auch die Preise in die Höhe. Da konventionelle Geldanlagen nichts mehr einbringen, zum Teil sogar Strafzinsen kosten, weichen selbst Privatanleger auf Häuser und Wohnungen aus, Großinvestoren reißen sich um Einkaufszentren, obwohl der Handel unter dem Trend zum Online-Shopping ächzt. Man muss kein Wissenschaftler sein, um eine Spekulationsblase zu fürchten. Damit nicht genug, suchen sich große Mengen von Kapital, entstanden durch die lockere Geldpolitik, weitere Ziele: Schwach regulierte Fonds haben ihr verwaltetes Kapital in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent gesteigert. Gerät die Weltwirtschaft in Turbulenzen, kann das enorme Verwerfungen verursachen.

Viele Lohnempfänger wurmt zudem, dass die Vermögen der Reichen deutlich wachsen – je nach Schätzung zwischen fünf und acht Prozent jährlich. Dagegen sind die Reallöhne in den vergangenen 20 Jahren nur schwach gestiegen. Selbst dort, wo Tariflöhne gezahlt werden, fressen die Mietsteigerungen häufig die Lohnzuwächse auf – der Immobilienboom lässt grüßen. Drohend über all dem hängt die Digitalisierung, die viele Jobs gefährdet oder verändert.

Diese Gemengelage wird verwaltet von einer Bundesregierung, die in den vergangenen Jahren keine Anstalten machte, die Probleme anzupacken. Die neue Regierung könnte, indem sie schnelles Internet bis in die Provinz baut, Deutschland besser für die Zukunft rüsten. Sie könnte die Armutsrisiken von Alleinerziehenden und Geringverdienern mindern. Und sie könnte, indem sie in Europa einem Krisenfonds für die Eurozone zustimmt, die Europäische Zentralbank entlasten und einen Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik erleichtern. Dann wäre die Lage noch besser – und die Stimmung auch.

leitartikel@swp.de

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