Leitartikel Leitartikel zur Bahn: Desaströses Bild

Redakteur, Autorenfoto 2016 Könneke Volkmar
Redakteur, Autorenfoto 2016 Könneke Volkmar © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Tobias Knaack 26.08.2017
Der Tunnel von Rastatt: 14 Tage nach der Sperrung der Rheintalbahn werden die Folgen einer verfehlten, auto-zentrierten Verkehrspolitik offenbar.

Vierzehn Tage ist es her, dass in Rastatt Wasser und Erdreich in eine Tunnelröhre eingedrungen sind und die fünf Meter darüber liegenden Gleise absackten. Vierzehn Tage, die die Rheintalbahn, eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Deutschlands, nun gesperrt ist – und bis mindestens 7. Oktober bleibt. Vierzehn Tage, in denen die Bahn als Bauherrin wenig bis gar nichts zu den Ursachen bekannt gab und die Öffentlichkeit ratlos zurücklässt.

Der Tunnel-Kollaps von Rastatt, er ist ein geradezu schizophrener Fall. Weil er eben einerseits viele Fragen aufwirft – etwa nach den Ursachen oder danach, was mit der nun zubetonierten Röhre geschieht. Und weil er andererseits zeigt, wie es um das Schienennetz im Südwesten und in der Republik steht. Beide, die unbeantworteten Fragen und die unmissverständlichen Fakten, zeichnen ein desaströses Bild: von Ingenieuren, die offenbar eine (zu) riskante Bauweise wählten; von einer Informationspolitik, die vieles im Ungewissen lässt; und von einer Infrastruktur, für die sich das Land rühmt, die aber erschreckende Defizite offenbart.

Denn die Realität sieht so aus: Der Personenverkehr weicht, um den Güterverkehr auf der Schiene in Teilen aufrecht erhalten zu können. Der wiederum muss umständliche Lokwechsel vollführen, Umwege fahren, weil es keine adäquaten Ausweichstrecken gibt, oder wird gleich auf die Straße verlagert. Das ist ökonomisch, ökologisch und organisatorisch ein absolutes Trauerspiel – in dem die Bahn als Bauherrin und das Bundesverkehrsministerium als Verantwortliche für eine ausbalancierte Verkehrsentwicklung die Hauptrollen geben.

Wenn man den Schienenverkehr als ein Netz begreift – regional, national, international – ist Deutschland aufgrund seiner zentralen Lage als Transitland der Ort in Europa, an dem die Fäden zusammenlaufen; ein Verkehrsknoten, durch den viele Verbindungen des europäischen Schienenverkehrs durch müssen. Als Teil der europäischen Magistrale, die die Häfen in Rotterdam und Antwerpen mit dem Süden Europas verbindet, kommt Deutschland folglich eine besondere Verantwortung zu.

Der aber wird es länger schon nicht gerecht. 21 Jahre ist der Vertrag von Lugano alt. Darin wurde vereinbart, wie der Bahnausbau in Deutschland und der Schweiz vorangetrieben werden soll. Doch während die Eidgenossen etwa mit der Fertigstellung des Gotthardt-Tunnels ihren Teil erfüllen – wie auch Österreich oder die Niederlande investieren –, verschleppt man hierzulande nicht nur den Ausbau, sondern hat die Netzkapazität sogar drastisch zurückgefahren. Das stete Ablehnen von Projekten im Südwesten wie Hochrheinbahn und Bodenseegürtelbahn durch das Bundesverkehrsministerium ist nur ein Ausdruck dieser Politik.

Vierzehn Tage ist es her, dass in Rastatt ein Tunnel kaputtgegangen ist. Der wahre Schaden aber sind die Versäumnisse vieler Jahre – das Resultat einer unausgewogenen und automobil-fixierten Verkehrspolitik. Wenn „Rastatt“ etwas Gutes hat, dann, dass es dies schonungslos offenlegt.

leitartikel@swp.de

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