ANDREAS BÖHME  Uhr

Reden Sie die ENBW nicht schlecht, warnt die CDU-Opposition immer dann besonders laut, wenn Grün-Rot die politische Vergangenheit des Energiekonzerns zu bewältigen versucht - und wirft mit dieser Mahnung schon einen ersten Stein. Der Konzern gehört zu den Kollateralschäden des Regierungswechsels. Er kommt einfach nicht aus den Schlagzeilen, die doch eigentlich anderen gelten, den Investmentbankern, Rechtsanwälten, ehemaligen Ministerpräsidenten, schlechthin der Vergangenheit.

Zu diesen Altlasten zählt die Aufarbeitung des umstrittenen Aktiendeals zwischen Deutschen und Franzosen. Enttäuschend, dass der Rechnungshof sich auf alte Fakten beschränkt und zum einzigen noch offenen Thema, der Preisfindung, die Aussage verweigert. Damit bleibt die Streitfrage, ob der unsinnige Deal wenigstens seinen Preis wert war, auf unabsehbare Zeit offen. Das von SPD-Finanzminister Nils Schmid angerufene Schiedsgericht hat sich bisher nicht mal auf einen Vorsitzenden geeinigt, ein Urteil könnte erst nach dieser Legislaturperiode gefällt werden.

Zur Vergangenheitsbewältigung zählt auch der Rechtsstreit um die angeblichen russischen Erdgas-Scheingeschäfte. Ein Prozess läuft noch, ein zweiter wurde gewonnen, im dritten standen formalrechtliche Gründe gegen die ENBW. Der Fall datiert aus 2005, aus der kryptischen Ägide Utz Claassens. Dazu geht das Gerücht, die schwarzen Landräte im Aufsichtsrat zeigten nur hier mäßiges Interesse an der Aufklärung. Sie wollten nicht als Mitwisser gelten und dann den letzten Einfluss gegenüber der grün-roten Landesregierung verlieren. Schwerer als alle Personalien aber wiegt: Die Strategie, auch im Gasmarkt eine wichtige Rolle zu spielen, ist gescheitert.

Was in die Zukunft führt: Der Börsenwert, die Ränkespiele, die unter CDU-Regie übliche Entsorgung von Politikern ins Unternehmen hinein - all das ist den Kunden zumeist gleichgültig. Sie wollen künftig günstige Preise, eine sichere Versorgung, zumindest zum Teil den Verzicht auf Atomstrom und, wenn sie zu den 20 000 Beschäftigten gehören, natürlich auch einen sicheren Job.

Kann die ENBW dies alles leisten? Der einstige Atomstromer mit den garantierten Gewinnen hat zwar begriffen, dass es mit dem aus Monopoltagen stammenden Hochmut endgültig vorbei ist. Das Verhältnis zu den Kommunen aber ist noch immer zerrüttet. Verbissen polemisiert der Verband kommunaler Unternehmen gegen den Verein "Mit uns für Ba-Wü", in dem ein SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel ebenso sitzt wie EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Ein trojanisches Pferd des Konzerns sei der Klub, mault der Kommunalverband und weckt Zweifel, ob er die Energiewende verstanden hat. Denn sie wird kaum gelingen, wenn jedes der 16 Bundesländer ein eigenes Konzept fährt. Und gleich gar nicht, wenn Energiepolitik zum kommunalen Flickenteppich wird.

Es ist nachvollziehbar, dass die selbstbewussten Stadtwerke sich von einer ENBW-Mehrheit nicht hineinregieren lassen wollen. Auch wenn angesichts des Selbstbestimmungsrechts der Städte und Gemeinden eine politische Lösung schwer vorstellbar ist - sie muss schleunigst her, wenn das Land den Energiewandel professionell begleiten will.

Nicht minder schwierig ist die Marktsituation. Die niedrigen Großhandelspreise machen nicht nur den Bau neuer Kraft- und Speicherwerke unrentabel, sie stellen auch die Wirtschaftlichkeit der Bestandskraftwerke in Frage. Dabei braucht die ENBW schon für den Netzausbau weiter Geld. Beeinflussen die Querelen das Rating, wird es richtig schwierig. Auf den neuen Chef Frank Mastiaux wartet die gewaltige Aufgabe, den Scherbenhaufen wegzukehren.