Generationen Leitartikel zu Partizipation: Krampf der Generationen

Redakteur Tobias Knaack
Redakteur Tobias Knaack © Foto: Volkmar Könneke
TOBIAS KNAACK 28.07.2016
Der Brexit hat eine alte Frage neu aufgeworfen: die der Generationengerechtigkeit. Antworten ist die Politik hierzulande bisher weitgehend schuldig geblieben. <i>Ein Leitartikel von Tobias Knaack.</i>

Der Jugend gehört die Zukunft“, ist ein gerne bemühter Satz, wenn es um Politik mit dem Anspruch gesellschaftlicher Weitsicht geht. In Großbritannien aber fühlen sich viele junge Menschen zurzeit um eben diese Zukunft betrogen nach der Entscheidung, die Europäische Union zu verlassen. Mit 72 Prozent hatten die 18- bis 24-Jährigen gegen den Brexit gestimmt.

Ein junger Brite drückt das in einem Essay so aus: „Die Babyboomer haben meiner Generation bei dieser Abstimmung den Mittelfinger gezeigt!“ Das Gefühl: Die Bedenken der Alten heute verbauen der Jugend morgen die Zukunft. Die zugespitzte Rechnung: Menschen, die im Schnitt noch zwei bis drei Jahrzehnte leben,  treffen eine Entscheidung, mit der die Jungen im Mittel noch sechs bis sieben Jahrzehnte  zu kämpfen haben werden. Der Vorwurf: Gerontokratie – Herrschaft der Alten.

Der Frust ist verständlich, aber  auch nur denjenigen gestattet, die wählen gegangen sind. Denn auch das ist Teil der Wahrheit: Die Wahlbeteiligung der Älteren war (wieder) höher als die der Jungen. Ein Phänomen, das nicht nur jetzt in Großbritannien, sondern auch bei der vergangenen Bundestagswahl 2013 in Deutschland zu sehen war. Das teilweise nach dem Brexit gezeichnete Bild der Jugend in der Opferrolle ist ein trügerisches – einerseits.

Denn andererseits muss die Entscheidung eine alte Frage neu befeuern: die der Generationengerechtigkeit in älter werdenden (westlichen) Gesellschaften. Der Politikforscher Jörg Tremmel spricht diesbezüglich von „intergenerationeller Dominierung“ der Jungen durch die Alten. Vor elf Jahren bereits hat er eine „Tendenz zur Bevorzugung der Gegenwart und zur Vernachlässigung der Zukunft“ ausgemacht. Der Franzose Felix Marquardt, der einen Welt-Index zu Chancen der Jugend in 64 Ländern erstellt hat, sagt gar: „Wir steuern auf einen Kampf der Generationen zu.“ Marquardt hat 59 Indikatoren: Investitionen in Bildung und Staatsverschuldung etwa.  Oder die Möglichkeit junger Menschen zur politischen Teilhabe: Deutschland belegt bei Letzterer nur Platz 41. Zwar vor Großbritannien, aber auch weit hinter Dänemark, Schweden und Norwegen.

In dieses Bild passt eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Mai: 15 Jugendliche und 10 erwachsene Unterstützer hatten geklagt, dass Kinder und Jugendliche, die sich für Politik interessieren und ins örtliche Wahlregister eingetragen sind, auch wählen dürfen sollten. Der Vorstoß wurde als unzureichend begründet abgewiesen.

Es ist ein fatales Signal für Demokratie und Gesellschaft, wenn aus einer Gruppe, die ohnehin offenbar weniger von ihrem Mitbestimmungsrecht Gebrauch macht, ausgerechnet die vergrätzt werden, die wählen wollen; wenn die, die das Morgen gestalten könnten, heute schon entmutigt werden. Zumal in einem Land, das  den erarbeiteten Status Quo zwar verwaltet, dem aber Impulse für die Gestaltung der Zukunft abgehen. Deshalb müssen junge Menschen auch im Bund früher als mit 18 wählen gehen dürfen.

„Der Jugend gehört die Zukunft.“ Sie gehört ihr aber eben auch nur dann, wenn sie einerseits selber etwas dafür tut und mindestens zur Wahl geht – und andererseits von den Alten gelassen wird. Es ist höchste Zeit, einen ehrlichen Diskurs darüber zu führen, wie man in einer älter werdenden Gesellschaft junge Menschen teilhaben lässt – unter Einbeziehung aller Generationen und über die Grenzen der Politik hinaus. Denn die hat noch immer wenig Antworten auf diese Frage. Vielleicht war sie noch nie weiter weg von der Lebenswirklichkeit der jungen Generation als heute.