Berlin Leitartikel zu Arbeitsmails: Der Fluch der modernen Zeiten

Berlin / Guido Bohsem 18.12.2017
Emails sind purer Stress für viele Arbeitnehmer. Insbesondere, wenn der Chef sich weder ans Wochenende noch an den Feierabend hält. Porsche-Betriebsrat Uwe Hück will solche Nachrichten automatisch löschen lassen. Doch hilft das wirklich weiter.

Wann immer zu hören ist, dass Globalisierung den Menschen Angst und Sorgen macht, geht es genau um das: Frühmorgens ist eine Videokonferenz mit chinesischen Kunden angesetzt und weil das Thema so drängt, muss das gleiche am selben Tag auch noch spätabends mit Amerika geschehen. Nach 22 Uhr fällt dem Chef dann ein, dass noch was anderes zu erledigen ist und Mitten in der Nacht ploppt eine Nachfrage aus Indien auf.

Für den betroffenen Arbeitnehmer bedeutet das eine neue, aber immer häufiger auftretende Entgrenzung des Arbeitstages. Die Linien zwischen Freizeit und Beruf verschwimmen. Vorbei sind die Zeiten , in denen die Stechuhr die Arbeit begrenzte und nach dem Verlassen des Kontors „jeder seins“ machen konnte. Es gibt Mediziner, die machen diese neue Belastung für die stetig steigende Zahl der psychischen Erkrankungen verantwortlich. Der berufsbedingte Burn-out gilt als Volkskrankheit – mit gehörigen Kosten für die Behandlung. Kein Wunder also, dass der Porsche-Betriebsrat Uwe Hück radikal fordert, alle Mails, die nach Feierabend kommen zu löschen.

Tatsächlich spielt die E-Mail eine besonders tückische Rolle bei der Entgrenzung der Arbeitszeiten. Sie ist der Fluch der modernen Zeiten. Zum einem, weil die schiere Menge an Post und damit die Anforderungen an ihre Bearbeitung dramatisch zugenommen hat. In den 70er-Jahren hatten Top-Manager im Schnitt etwa 1000 Nachrichten im Jahr bearbeiten, darüber kann man heutzutage nur noch lachen. Dass sich manch einer versucht fühlt, dieser Flut auch nach dem offiziellen Dienstschluss Herr zu werden, ist ebenso verständlich wie es der Gesundheit schadet. Auch die leistungsfähigsten Mitarbeiter brauchen Zeit zum Abschalten, in der sie sich um sich, ihre Freunde und Familie kümmern und nicht um den Chef.

Dennoch ist fraglich, ob Hücks Ansatz der richtige ist. Wahrscheinlich würde ein automatisches Löschen auch von wichtigen Mails letztlich zu mehr Arbeit und mehr Stress führen. Deshalb muss vor allem an das Verantwortungsbewusstsein der Chefs und der Feierabend-Disziplin der Mitarbeiter appelliert werden. Chefs müssen wissen, dass sie ihren Mitarbeitern nach Feierabend keine E-Mails mehr schicken dürfen und sie sollten sich auch daran halten. Die Mitarbeiter hingegen müssen die Disziplin aufbringen, nach Feierabend nicht mehr ins elektronische Postfach zu schauen, um eben schnell was wegzuarbeiten.

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