Doch der Reihe nach: Chinas Provinzregierungen haben in den vergangenen Jahren enorme Schulden angehäuft. Die Banken drohen auf diesen Schulden sitzenzubleiben und halten sich mit Investitionen zurück. Das wiederum trifft die Realwirtschaft hart - was Chinas sinkendes Wachstum erklärt.

Um neue Wachstumsimpulse zu schaffen, beschloss die chinesische Führung, das Privatvermögen ihrer Bürger anzuzapfen. Dort gibt es einiges zu holen: Mit über 40 Prozent ist die Sparquote in der Volksrepublik eine der höchsten der Welt.

Im Zuge ihrer Finanzmarktreformen versuchte die Regierung, die Ersparnisse auf die heimischen Aktienmärkte umzuleiten. Kombiniert mit entsprechenden Appellen vergab die Zentralbank großzügige Kredite und ermunterte die Bürger in Massen dazu, Aktiendepots zu eröffnen. Der Anreiz wirkte. Peking löste damit tatsächlich ein in China nie gekanntes Börsenfieber aus. Bis Mitte Juni schoss der Aktienmarkt um rund 150 Prozent in die Höhe.

Spätestens vor drei Wochen wurde der chinesischen Führung dieser Boom unheimlich. Die staatliche Börsenaufsicht beschloss, die Regeln für den Aktienkauf auf Pump wieder zu verschärfen. Das löste den ersten Kurssturz aus. Binnen einer Woche verloren die Aktienwerte zwölf Prozent. Was folgte, war ein Auf und Ab, wie es selbst gewiefte Börsianer noch nicht erlebt haben: Chinas Zentralbank senkte die Zinsen und die Handelsgebühren. Prompt schossen die Kurse wieder in die Höhe. Dann dämmte die chinesische Führung den spekulativen Handel wieder ein. Die Kurse brachen ein. Nur: Mit jedem weiteren Schritt wurde die Stimmung immer panischer. Allen Anlegern geht es seitdem nur noch darum, die Aktien zu einem halbwegs günstigen Kurs abzustoßen.

Um den totalen Absturz zu verhindern, verfügte Peking am Mittwoch ein Verkaufsverbot für alle Großinvestoren, einen Stopp von Börsengängen und nahm die Wertpapiere von fast 1300 Unternehmen vom Markt. Nahezu die Hälfte des sonstigen Handels in Shanghai und Shenzhen findet derzeit gar nicht statt. Doch sobald die Märkte wieder freigegeben werden, dürfte die Achterbahnfahrt weitergehen.

Die meisten chinesischen Analysten gehen davon aus, dass von der geplatzten Blase nur eine geringe Ansteckungsgefahr ausgeht. Trotz einiger Liberalisierungen ist Chinas Aktienmarkt nach wie vor vom Rest der Welt abgeschottet. Und auch die Auswirkungen auf die Realwirtschaft, so die Experten, bleiben vermutlich gering. Zwar ist das Geld, das durch die großzügigen Kredite geschaffen wurde, zum Teil weg. Die Gewinne waren aber noch nicht in großen Mengen in die Realwirtschaft geflossen. Sie können ihr damit auch nicht entzogen werden.

Einen Effekt hat der Börsentrubel aber doch: Das Ziel der Regierung, das Sparvermögen der Bürger hervorzulocken, damit Unternehmen neues Kapital erhalten und sie verstärkt in Chinas schwächelnde Wirtschaft investieren, hat sich zerschlagen. Das Experiment ist auf ganzer Linie gescheitert. Mit neuen Wachstumsimpulsen aus dem Reich der Mitte ist damit vorerst nicht mehr zu rechnen.

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