Ökonomen aus aller Welt befürchten, angesichts der trüben Aussichten könnte von China die nächste Weltwirtschaftskrise ausgehen.

Von so düsteren Prognosen ist beim diesjährigen Nationalen Volkskongress nur wenig zu spüren. Chinas Regierungschef Li Keqiang sprach bei seiner Auftaktrede zwar von "schweren Zeiten", die China bevorstehen. Im neuen Fünf-Jahresplan ist aber auch weiterhin von einem Zuwachs von mindestens 6,5 Prozent im Jahr die Rede. Das ist immer noch mehr als das, was die meisten anderen Weltregionen dieser Welt hinbekommen.

Trotzdem ist die kommunistische Führung nervös. Zu Recht. Denn das Riesenreich hat umfassende Reformen dringend nötig. Viele Jahre lang diente die Volksrepublik als Werkbank und stellte Kleidung, Alltagsgegenstände und Elektronikgeräte billig und in großen Mengen für den Rest der Welt her. Dieses Modell hatte Chinas wirtschaftlichen Aufstieg möglich gemacht, ist aber überholt. Seitdem wegen gestiegener Löhne viele Unternehmer ihre Fabriken ins günstigere Vietnam oder nach Bangladesch verlagert haben, versucht die Führung mit dem Bau von Autobahnen, Flughäfen und noch mehr Fabriken hohe Wachstumsraten aufrecht zu erhalten.

Doch auch darauf kann China nicht ewig setzen. Längst ist klar, dass die chinesische Führung in einigen Bereichen zu kräftig investiert hat. Das hat nicht nur der Umwelt massiv geschadet. Vor allem die Schwerindustrie hat gigantische Überkapazitäten geschaffen. Nun werden Millionen Tonnen an überflüssigem Stahl zu Dumpingpreisen im Rest der Welt verhökert. Gewinn macht auf diese Weise keine Seite.

Zugleich hat das übertriebene Turbowachstum auch das soziale Gefüge durcheinandergebracht. Peking hat New York überholt und ist die Stadt mit den weltweit meisten Milliardären. Auf der anderen Seite leben in China noch über 70 Millionen Menschen von umgerechnet unter einem Euro am Tag. Dieser Gegensatz birgt enormen sozialen Zündstoff - zumal die autoritäre Regierung ihren Führungsanspruch mit den hohen Wachstumsraten legitimierte. Zumindest die liberalen Kräfte in der Führungsriege haben aber inzwischen erkannt, dass China erst dann den Sprung zur Industrienation schaffen wird, wenn die Bürger nicht mehr nur schuften, sondern auch Geld für die guten Dinge im Leben ausgeben können.

Nun folgt die schmerzhafte Korrektur. Anfang der Woche verkündete der chinesische Arbeitsminister, dass in der Kohle- und Stahlindustrie in den nächsten Jahren 1,8 Millionen Arbeitsplätze wegfallen werden. Und auch sonst wird der Übergang von einer einseitig auf den Export orientierten Billig- und Schwerindustrie hin zu einer Wirtschaft, die auf Konsum, Dienstleistungen und Hightech setzt, nicht einfach. Manager müssen umdenken, die Arbeiter umschulen.

Noch scheint in der Bevölkerung die Zuversicht zu überwiegen, dass die chinesische Führung unter Xi Jinping den Strukturwandel mit dem nächsten Fünf-Jahres-Plan hinbekommen wird. Doch was ist, wenn es nicht beim Abbau von 1,8 Millionen Arbeitsplätzen bleibt, sondern es 5, 10 oder gar 20 Millionen werden? Droht dann ein Massenaufstand? Es bleibt zu hoffen, dass Xi das Ruder schon vorher herumzureißen weiß.

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