Politik, das ist zu guten Teilen – oder vor allem? – die Macht des Wortes; und weiter gefasst, der Kommunikation. Fakten spielen eine Rolle, doch wie man an Politikern wie Donald Trump oder Boris Johnson immer wieder sehen kann, nicht die allerwichtigste. Beide verstehen es, mit Emotionen und Ressentiments ihres Publikums zu spielen, wirkmächtiger als Fakten es könnten. Und nicht wenige von uns, man mag das bedauern, sind vor allem über diese Schiene zu erreichen. Das ist die Masche der Populisten.

Eine Populistin ist Angela Merkel nicht. Und doch ist ihr jetzt etwas gelungen, was ihr immer als großes Defizit vorgehalten wurde. Sie hat eine Rede zur Corona-Krise gehalten, die auch, bei aller Nüchternheit, jenen Grad an Emotionalität und Dramatik transportierte, bei dem Menschen sich angesprochen fühlen, bei dem sie nicht nur überzeugt, sondern mitgenommen werden.

Angela Merkel hat eine Tonlage getroffen, die Vertrauen schaffen kann

Rund 25 Millionen Menschen schauten zu und dürften beeindruckt gewesen sein. Der Frau, die selbst in schwierigen Momenten einen eher buchhalterischen Habitus pflegt, gelingt ein Auftritt, durch den sich der Ernst der Lage mitteilt. Zuvor hatten bereits Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Fachleute vom Robert-Koch-Institut und der Charité eine Tonlage getroffen, aus der bei aller verbleibenden Unsicherheit Vertrauen erwächst. Sachlich, transparent und empathisch, wie es sich auch für guten Journalismus geziemt im Unterschied zur Aufgeregtheit und Abgründigkeit in der sozialen Medien.

Worte und Bilder entscheiden in der Politik oft über Aufstieg oder Niedergang. Es waren weniger die Worte als der Auftritt in Gummistiefeln beim Elbe-Hochwasser 2002, der Gerhard Schröder seinerzeit die Bundestagswahl rettete. Matthias Platzeck machte 1997 bei der Oder-Flut als „Deichgraf“ Karriere. Beide vermittelten mit ihrem Auftreten positive Botschaften, ohne ins Aufdringliche zu kippen oder als Inszenierung zum eigenen Vorteil zu wirken.

Wenn Fakten, Bilder und Worte eine Einheit bilden, kann man von einem gelungenen Gesamtkunstwerk sprechen. Barack Obama verzückte zum Beginn seiner Präsidentschaft die Welt derart mit Worten, dass ihm sogar der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Ein rhetorischer Wunderknabe, der dann aber die Hoffnungen nicht erfüllen konnte.

Die Bundeskanzlerin kommunizierte 2015 katastrophal

Aber zurück zur Kanzlerin. Ihr hängen bis heute die Ereignisse des Jahres 2015 nach, als sie die Grenzen für bald eine Million Flüchtlinge offenhielt. Es war ein – noch immer zu rechtfertigender – Akt der Humanität, doch katastrophal kommuniziert. Nicht nur gegenüber den Partnern, sondern auch jenem Teil der eigenen Bevölkerung, der mit Angst und Abwehr, gar Hass reagierte. Die „große Rede“, die man angesichts des epochalen Vorgangs hätte erwarten dürfen – sie kam einfach nicht. Der Satz „Wir schaffen das“, obwohl er stimmt, hallt deshalb bis heute so schmerzhaft nach, dass  Merkel ihn nun vermeidet. Obwohl er, nicht nur dahingesprochen, sondern in allen notwendigen Details kommuniziert, jetzt durchaus angebracht wäre.