Die Kurve ist in diesen Wochen das Maß aller Dinge, der Aufruf #FlattenTheCurve das Gebot der Stunde: Lasst uns alle dazu beitragen, den Anstieg der Infektionen zu verlangsamen. Nie war es so einfach, ein kleines Stück Solidarität zu zeigen: kein Händeschütteln, keine Geburtstagsparty. Ein amerikanischer Arzt erklärte die Tätigkeit im Homeoffice bereits zu einer „heroischen Tat“. Hoffen wir alle, dass das reicht.

Die Kurve spielt aber noch in anderer Hinsicht eine Rolle – und da wird es komplizierter. „Vor die Kurve kommen“ ist ebenfalls ein Ausdruck aus dem Englischen und bedeutet, der Entwicklung voraus zu sein. Die Redewendung stammt vermutlich aus der Fliegerei und beschreibt eine physikalische Notwendigkeit: Sinkt die Fluggeschwindigkeit zu sehr, reicht die Triebwerksleistung nicht mehr aus, um die Flughöhe zu halten. „Flying behind the power curve“ nennt man das – und es endet meist mit Absturz. Auch vom politischen Betrieb am Boden wird erwartet, dass er vor der Kurve agiert. Das durchzusetzen, ist allerdings alles andere als einfach. Hätten wir nicht schon vor zwei Wochen die Schulen schließen müssen? Warum wurden die Grenzen nicht viel früher kontrolliert? Wieso machen die die Theater erst jetzt dicht?

Weg von der flexiblen Friedensarmee hin zur wehrhaften Bündnisverteidigungstruppe

Solche und andere Fragen werden nun mit teils heftiger Empörung gestellt. Derartige Kritik gibt es nicht nur in Corona-Zeiten. In den Wochen der Anschläge von Halle und Hanau, die gefühlt eine Ewigkeit zurückliegen, drohte im Kampf gegen den Rechtsterrorismus der Strömungsabriss. Und die Bundeswehr tut sich bis heute schwer, die Kurve zu kriegen; weg von der flexiblen Friedensarmee hin zur wehrhaften Bündnisverteidigungstruppe. An mahnenden Stimmen von Experten hat es in keinem der Fälle gefehlt. Und natürlich gibt es auch immer wieder ideologische Gründe, den einen oder anderen Ratschlag zu ignorieren. Grundsätzlich aber gilt, dass demokratische Systeme nun mal schwerfällig sind.

Das liegt an uns allen: Noch vor wenigen Tagen wäre es völlig undenkbar gewesen, dass wir eine derart dramatische Einschränkung der Freiheit wie jetzt einigermaßen klaglos hinnehmen. Die Durchsetzung all dieser nie dagewesenen Maßnahmen aber, seien wir ehrlich, beruht auf der Einsicht der Bürger. Dass der Staat sein Gewaltmonopol in die Hand nehmen müsste, um Bars zu räumen oder Ballettvorstellungen abzubrechen, wollen wir uns alle lieber nicht vorstellen. Das alles bedeutet nun aber nicht, die Langsamkeit unseres Systems achselzuckend hinzunehmen. Eine gewisse Beschleunigung lassen unsere demokratischen Spielregeln durchaus zu. Man kann das auch am Agieren der Politiker in der Corona-Krise ablesen: An einem Markus Söder, der voranprescht, an einem Jens Spahn, der nach anfänglicher Zurückhaltung Gas gibt, an einer Angela Merkel, die im letztmöglichen Moment das Steuer übernommen hat. Beim nächsten Mal müssen wir schneller sein. Alle. Auch wenn es dann hoffentlich um weniger geht als um ein gefährliches Virus.

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