Leitartikel Leitartikel: Die Sehnsucht nach neuen Politikern

Ulm / Tanja Wolter 15.05.2017

Die Sehnsucht nach dem Neuanfang wohnt wohl den meisten Menschen inne. Und dass das Unbekannte seinen Reiz hat, wissen nicht nur Reisende. Bis der Impuls stark genug ist, um ihm nachzugeben, vergeht allerdings oft viel Zeit. Umso mehr müssen derzeit in der Politik an der einen oder anderen Stelle erstaunliche Kräfte wirken: Die Franzosen haben mit Emmanuel Macron einen jungen Unparteiischen an die Staatsspitze gewählt, den vor einem Jahr noch niemand auf dem Zettel hatte. In Schleswig-Holstein gewinnt ein vor wenigen Monaten noch völlig unbekannter und erstaunlich leiser CDU-Politiker namens Daniel Günther die Landtagswahl. Ein Martin Schulz riss – wenn auch nur vorübergehend – die Menschen fast von den Stühlen, weil er den Anschein gab, für frischen Wind in der Bundespolitik zu sorgen. Und mit Donald Trump ist seit einigen Monaten in den USA ein Präsident am Schalter, den sich die Welt bis vor kurzem weder vorstellen konnte noch wollte.

Befinden sich die Wähler im In- und Ausland also in einer Umbruchstimmung, um Altes über Bord zu werfen? Teilweise ja. Allerdings ist das nur ein Aspekt. Das Durcheinander der Präferenzen und vor allem der schnelle Wechsel der Stimmungen zeugen auch von einer großen Verunsicherung. Vielen Menschen fehlt der innere Kompass, sie sind wankelmütig und flatterig geworden, auch an den Wahlurnen. Da ist in Einzelfällen der Schwenk von ganz links nach ganz rechts möglich. Andere sehnen sich schlichtweg danach, es den etablierten Köpfen mal zu zeigen, und wenn es nur durch die Wahl eines Politikers ist, mit dem niemand gerechnet hat. Die Antwort auf eine Politik des Nicht-Gehörtwerdens heißt dann: Wer nicht hören will, muss fühlen.

Rache ist kein sonderlich kreatives Motiv für eine Wahlentscheidung. Die generelle Sehnsucht nach neuen Gesichtern in der Politik hat allerdings nichts Anstößiges – im Gegenteil. Der Wechsel und die personelle Erneuerung gehören zum Wesen der Demokratie und demokratischer Parteien. Wohl auch deshalb tun sich gerade die Bundes-Grünen mit ihrem altbekannten Personal so schwer. Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckhardt, von der eigenen Basis als Spitzenkandidaten aufs Podest gehoben, haben offenbar außerhalb ihrer Partei die Grenze zum Überdruss überschritten.

Irritierend mag eher sein, dass auch die Politik Trends unterliegt. Derzeit sind atypische Politiker im Aufwind, wobei die Bandbreite riesig ist: Die sachliche Nüchternheit und Unauffälligkeit eines Daniel Günther kann aus Wählersicht genauso herausstechen wie der Charme und die jugendliche Frische eines Macron. Oder die Authentizität eines Kretschmann. Oder die Volksnähe von Martin Schulz, dem Mann aus Würselen mit dem überwundenem Alkoholproblem. Aus der Reihe tanzt aber auch der Polterer Trump, der den Anti-Politiker schlechthin verkörpert. Trends bringen ja nicht immer nur Erneuerung im Positiven mit sich, manchmal kommt Schräges dabei heraus, manchmal Unerträgliches.

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