Washington Leitartikel · US-Wahl: Von eitel bis farblos

 Peter De Thier
 Peter De Thier © Foto:  SWP
PETER DE THIER 12.01.2016
Hätten jene politischen Gesetzmäßigkeiten, die in der weltgrößten Demokratie üblicherweise den Ablauf einer Präsidentschaftskampagne diktieren, heute noch Bestand, dann könnte man bereits elf Monate vor der Wahl eine relativ sichere Prognose wagen. Ein Leitartikel von Peter De Thier.

Der 45. Regierungschef und zugleich die erste Präsidentin in der Geschichte der USA wird Hillary Clinton heißen. Doch die Spielregeln sind längst außer Kraft. Das republikanische Bewerberfeld wird von Donald Trump angeführt, einem eitlen Selbstdarstellungskünstler, der Frauen ebenso wie ganze Volks- oder Religionsgruppen beleidigt und selbst Körperbehinderte verspottet. Seine Tiraden haben Trump bei schlecht informierten konservativen Wählern, die sich von demagogisch anmutenden Schlachtrufen verblenden lassen, sogar an die Spitze katapultiert, derzeit noch mit erheblichem Abstand.

Schwerer tut sich dagegen bei den parteiinternen Ausscheidungsverfahren ausgerechnet Hillary Clinton, die erwartet hatte, bei den Demokraten ohne Konkurrenz zu sein. Sie hat mit einem aufmüpfigen Sozialisten zu kämpfen, der zwar nicht gewinnen kann, der Favoritin aber zumindest ein Dorn im Auge ist. Dem linksgerichteten Senator Bernie Sanders ist es gelungen, Clinton durchaus akkurat als Mitglied jenes politischen Establishments zu brandmarken, das sie angeblich zu bekämpfen versucht: Ein System, in dem Industrielobbyisten, Verbände, Interessengruppen und wohlhabende Privatbürger mit ihren Spenden die politischen Positionen der Kandidaten zu manipulieren versuchen.

Zwar wird die ehemalige Außenministerin aus den demokratischen Vorwahlen letzten Endes als Siegerin hervorgehen. Doch auch der Skandal um hochsensible dienstliche E-Mails, die sie als Barack Obamas Chefdiplomatin regelwidrig über einen privaten Server verschickte, hat Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen lassen und könnte noch zur Achillesferse für Clintons hohe politische Ambitionen werden. Nicht zu unterschätzen ist auch das Fehlen jeglichen Charismas - in den USA ein unverzichtbares Attribut für erfolgreiche Präsidentschaftskandidaten. In der heißen Schlussphase könnten diese Mängel noch erhebliche Probleme bereiten.

Abgegeben wurde indes noch keine einzige Wählerstimme. Das ist vor allem aus der Sicht der Republikaner von Belang. Denn so laut seine Auftritte auch sind, hat der politische Neuling Trump ein entscheidendes Manko: Seiner Organisation fehlt es an der notwendigen Basisarbeit, jener "Graswurzelkampagne" (grass roots campaigning), ohne die eine Wahl nicht zu gewinnen ist. So konnte Barack Obama nicht deswegen zwei Mal in Folge Erdrutschsiege feiern, weil er eloquent referierte. Seine Helfer starteten eine aggressive Kampagne im Internet und gingen in jedem Wahlbezirk von Tür zu Tür, um für ihren Mann zu werben und ihre Landsleute zu überzeugen, nicht nur an Umfragen teilzunehmen, sondern auch ins Wahllokal zu gehen.

Dafür aber sind sich der Milliardär und seine Ja-Sager zu schade, und das könnte sich noch rächen. Denkbar ist, dass besser organisierte republikanische Präsidentschaftsanwärter wie Ted Cruz oder Marco Rubio Trump schnell überrunden und der Showmeister ein böses Erwachen erlebt. Da die enttäuschende Kampagne des designierten republikanischen Thronfolgers Jeb Bush kaum noch zu retten ist, kann es durchaus sein, dass Hillary Clinton es im Herbst mit einem der beiden dynamischen, aufstrebenden Senatoren zu tun haben wird.

Donald Trump droht ein böses Erwachen.

leitartikel@swp.de