Mein Werk gehört mir. So steht es im Positionspapier der VG Wort, der Verwertungsgesellschaft der schreibenden Berufe. Das ist, die Assoziation mag zufällig sein, mehr als nur ein Bauchgefühl. Es ist eine legitime Position, die in der digitalen Welt freilich immer stärker in Bedrängnis gerät. In diesem Sinne erklärten sich unlängst zahlreiche Autoren in der Wochenzeitung "Die Zeit" - um wenig später von Hackern der Gruppe "Anonymous" bedroht zu werden: Wer Urheber stärkt, ist ein Feind des freien Internet und hat mit Konsequenzen zu rechnen. Das ist ein gedanklicher Kurzschluss, doch er beweist: Die lange unter Insidern geführte Diskussion um das Urheberrecht ist mehr als der Streit darüber, wie sich die grassierende Gratiskultur eindämmen lässt, damit Urheber und Verlage leben können.

Dabei beherrschen Emotionen und Maximalforderungen das Bild. Rohe Drohgebärden der Phonoindustrie à la "Raubkopierer sind Verbrecher" und Ideen für immer weiterreichende Leistungsschutzrechte zeugen von einer Sichtweise, die weder dem technischen Fortschritt noch der komplexen gesellschaftlichen Dimension des Problems gerecht wird. Auch Prozesse wie jener der Gema gegen das Video-Portal YouTube zielen eher auf die Teilhabe an Werbetöpfen ab als auf den Schutz der Künstler. Und die auf der Gegenseite verbreitete szenetypische Abwertung der Rechteverwerter als "Content-Mafia", aus deren Fängen es geschützte Inhalte zu "befreien" gelte, setzt auf Kosten der Kreativen den ungehinderten Zugang zu jedweden Daten absolut - und geht damit auf andere Weise am Kern des Problems vorbei.

Denn längst hat sich die Diskussion vom Gezerre um Verwertungsrechte zu einem bizarren Klassenkampf entwickelt - so wie es der Hacker McKenzie Wark prophezeit hatte: An die Stelle des Kampfes um die Herrschaft über die Produktionsmittel in der Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts tritt in der Informationsgesellschaft der Kampf um die Herrschaft über Daten, weil diese gleichbedeutend ist mit wirtschaftlicher und politischer Macht - ob Downloads etwas kosten dürfen, ist in dieser Überlegung nur eine Fußnote.

Deshalb verbirgt sich hinter den Gesetzesvorhaben mit den kryptischen Namen Acta, Sopa und Pipa mehr als der Versuch, Rechtsverletzungen im Netz zu verhindern. Es geht darum, jene Kontrolle wiederzugewinnen, die Politik und Wirtschaft durch das Internet zu entgleiten droht - letztlich also um Steuerungsfähigkeit. Sollten die Gesetze Wirklichkeit werden, droht die Überwachung der Internet-Nutzer durch die Service-Provider, jene Unternehmen, die Zugang ins Netz gewähren. Ihnen dürfte dann nicht mehr egal sein, welche Daten durch ihre Leitungen fließen - der Anfang vom Ende der Netzneutralität und obendrein erstmals ein Szenario Orwellscher Prägung, in dem nicht der Staat sondern die Industrie ein allüberwachendes Auge auf die Menschen richtet. Ängsten wie diesen und der Ignoranz der etablierten Parteien ihnen gegenüber verdanken die Piraten zu einem erheblichen Teil ihren Aufstieg.

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, wohl aber einer, in dem sich Rechte schwerer wahren lassen als bisher. Diese technische Entwicklung lässt sich nicht zurückdrehen, so sehr das die Anhänger bewährter Verwertungsmodelle auch schmerzen mag. Ihnen bleibt nur die Wahl: Sie nehmen die Realität zur Kenntnis und lassen sich auf eine faire Diskussion über ein internetgerechtes Urheberrecht und neue Bezahlsysteme ein. Oder sie werden überrollt. Denn die Akzeptanz einer Rechtsordnung beruht weitgehend auf ihrer Durchsetzbarkeit in der Praxis. Und in der ist ein Mausklick allemal schneller als der schnellste Gesetzgeber.