Sie war unstreitig der Sieg des realen Bürgerwillens über eine nur gefühlte Deutungshoheit: Die Volksabstimmung über Stuttgart 21 vor einem Jahr markiert den Durchbruch dieses gewaltigen Verkehrsprojekts, weil die schweigende Mehrheit der unüberhörbar lauten Minderheit mit dem Stimmzettel den Weg wies.

Nicht nur auf dem Land, auch in der Region und vor allem in Stuttgart selbst, wo die Bürger ja die Last der jahrelangen Bauarbeiten allein zu schultern haben, sprachen sich die Wähler mehrheitlich für den neuen Bahnhof aus. Sogar so deutlich, dass seine Gegner, die mittlerweile die Landesregierung führen, bis heute schwer daran schlucken.

Die Kehrtwende vom Kampf gegen ein unterstelltes Kartell aus schwarzer Politik, Investoren und Großkonzernen hin zur längst vertraglich fest vereinbarten Unterstützung des Projekts fällt nicht jedem leicht. Aber selbst hartgesottene Tunnelbahnhofsgegner geben sich nun rechtskonform, solange sie den geschmeidigen Begriff von der sicher unabdingbaren kritischen Begleitung nicht missbrauchen für weitere Obstruktion. Selbst der Linksaußen im Kabinett, Verkehrsminister Winfried Hermann, erkennt: Zwar könne eine Mehrheit auch für Falsches votieren, aber die Befragung des Volkes habe dieses doch sehr befriedet. Das klingt ein wenig nach Rechthaberei, aber vor allem nach der Anerkennung der Realität. Auch die Koalition ist damit befriedet, Rückfälle in die alten Oppositionsschemata und die Anbiederung an die Bewegung eingeschlossen. So tritt Brigitte Lösch, die grüne Landtags-Vizepräsidentin, weiter gern vor den Hardcore-Gegnern auf. Die begreifen die behutsame Wandlung der Regierungs-Grünen als schnöden Verrat.

Wer sich montags am Bahnhof versammelt, ist deshalb noch lange kein Montagsdemonstrant. Der S-21-Protest ist zur Folklore geronnen. Themen und Redner wiederholen sich in der Endlosschleife. Wer in Stuttgart heute noch nach Baustopp ruft, verkennt, was seit dem Bürgerentscheid alles gebaut oder unwiderruflich vorbereitet wurde. Die Bewegung steckt in der Sackgasse, Teile von ihr verengen sich dabei zur offenen Demokratiefeindlichkeit etwa dann, wenn ein Häuflein Bahnhofsgegner das Rathaus besetzt, um dort endlich "das wahre Bürgerparlament" zu installieren.

Nur zäh voran bewegt sich allerdings auch die Bahn. Die Aufspaltung des Konzerns in viele Töchter mag betriebswirtschaftlich sinnvoll sein, der Bürger schüttelt den Kopf, wenn fortgesetzt Informationen im Kompetenzwirrwar zwischen Berlin, Frankfurt und Stuttgart, zwischen Netz und Station, Projektbau und Kommunikationsteam hängen bleiben. Die neue Struktur, die die DB für das Großprojekt unterhalb der Vorstandsebene einziehen will, ist ein richtiger Schritt, so er denn vor Bauende vollzogen wird.

Die gewonnene Volksabstimmung darf die Bahn gleichwohl nicht als Freibrief verstehen. Vorerst gilt der Finanzrahmen, auch wenn Zusatzleistungen und eine zehn Jahre währende aktive Baugeschichte ihn verändern werden. In Sachen Transparenz sind immerhin positive Ansätze zu erkennen: Der jetzt geschlossene Pakt der Bahn mit den Behindertenverbänden für leichten Zugang zu den Gleisen wäre ohne den Prozess um die Volksabstimmung kaum denkbar.

Vor Jubel über das neue Miteinander sei aber gewarnt: Der Dialog um den Filderbahnhof, bereits vor der Planfeststellung eingeleitet und nicht wie bei S 21 danach, war ein Fiasko. Erst verweigerten sich die Bürger, und nun wird zwar die verkehrlich bestmögliche Variante diskutiert, die aber mitnichten dem Willen der Anlieger entspricht. Der Volksentscheid ging gewiss neue Wege. Er ist aber keine Blaupause für die künftige Abwicklung von Großprojekten.