Stuttgart Leitartikel · Stuttgart 21: Jahrhundert-Chance

Stuttgart / 05.08.2014

Es ist 131 Jahre her, dass in New York das dazumal umstrittenste Bauwerk Amerikas eröffnet wurde: die Brooklyn Bridge, die Kritiker seinerzeit als sinnlos, maßlos, ruinös geißelten. Heute gilt die Hängebrücke als einer der Antriebsmotoren New Yorks auf dem Weg zur Weltmetropole. Stuttgart mit NY zu vergleichen, wäre vermessen. Zwar Landeshauptstadt, ist Stuttgart keine Metropole, sondern nur Zentrum einer Metropolregion. Einer Region aber, die es in sich hat, eine der dynamischsten in Europa. Ein ökonomisches Kraftzentrum.

Ob Stuttgart 21 für die Zukunft der Stadt je eine Rolle spielen wird wie die Brooklyn Bridge für NY, weiß kein Mensch. Auch darüber tobt der Streit zwischen S-21-Befürwortern und -Gegnern. Er hat zwar seit dem Volksentscheid merklich nachgelassen. Aus der Welt ist er nicht bis heute, dem Tag, an dem die Bauarbeiten für den Hauptbahnhof unter der Erde beginnen.

In Stuttgart wird die ganze Bahnlandschaft neu geordnet und samt Flughafenbahnhof endlich auf den Stand der Zeit gebracht. Allein seiner Symbolkraft wegen bleibt der Tiefbahnhof das Herzstück des Gesamtprojekts Stuttgart-Ulm. Es ist samt Neubaustrecke und nach wiederholt hochkorrigierten Schätzungen mit Kosten von fast zehn Milliarden Euro republikweit das größte Infrastrukturvorhaben - trotz noch weitaus rasanter galoppierender Kosten beim Berliner Flughafen.

Nach wie vor gibt es Gründe gegen S 21. Man denke an die Grundwasserrisiken oder an eben diese Kosten, die Bahn und Politik lange kleingerechnet haben. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass anderes Wichtige wie die neuerlich in Frage gestellte Südbahn-Elektrifizierung auf der Strecke bleiben könnte. Der Volksentscheid hat aber gezeigt, wie überzeugt die Mehrheit im Land davon ist, dass ihre Landeshauptstadt ein moderner Bahnknoten werden muss. Vor allem braucht die Großraumschaft Karlsruhe-Stuttgart-Ulm Anschluss an jenes Hochgeschwindigkeitsnetz, das von Paris bis Budapest Regionen verbindet, in denen mehr als 30 Millionen Menschen leben. Der Bürger hat Gespür für solche Unabdingbarkeiten und Veränderungszwänge einer Zeit.

An einem Tag wie heute ist aufzuräumen mit der Mär, S 21 entbehre der demokratischen Legitimation. Es hat alle parlamentarischen Instanzen durchlaufen. Es hat juristischen Prüfungen standgehalten. Es hat den finalen demokratischen Segen durch den Volksentscheid erhalten, übrigens als das Volk zwar noch nicht den aktuellen Kostenrahmen kannte, aber doch mehrfach mit Verteuerungen konfrontiert gewesen war. Wegbereiter zu allem war ein anderes Lehrstück demokratischer Unmittelbarkeit: Heiner Geißlers legendäres Schlichtungsverfahren.

Weil sich Befürworter und harter Kern der Gegner unversöhnlich gegenüberstehen, wird es ein frommer Wunsch bleiben, dass sich nun alle Kräfte hinter S 21 versammeln mögen, um das Beste daraus zu machen. Stuttgart hat die Jahrhundertchance, sich auf 80 zentralen Hektar städtebaulich neu aufzustellen. Die im ganzen Kampfgetümmel vernachlässigte Planung für die frei werdenden Gleisanlagen bedarf des breiten Diskurses. Wenn nicht hier, wo sonst kann sich ein Grünen-OB wie Fritz Kuhn profilieren?

Fatal wäre, zentrale Grundstücke würden nur kommerziellen Interessen, rein rendite-orientierten Objekten unterworfen. Stuttgart kann durch zukunftsweisenden Städtebau, durch akzeptierte, bezahlbare Stadtarchitektur Meilensteine in seinem Zentrum setzen. Nicht, um mit New York zu konkurrieren. Aber um Metropole zu werden.

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