LEITARTIKEL · SPIELWARENMESSE: Mit Qualität spielen

ALEXANDER BÖGELEIN 03.02.2012

Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, Deutschland sei ein Spielzeug-Paradies. Nirgendwo auf der Welt gibt es so ein vielfältiges und teilweise hochwertiges Angebot - vom witzigen Mitbringspiel bis zum Lego-Star-Wars-Raumschiff für 400 Euro. Kein anderes Land hat ein dichteres Netz an Fachgeschäften, verfügt über derart viele Möglichkeiten, sich Spielzeug zu kaufen, sei es in Warenhäusern, Discountern oder über das Internet. Zudem kommt einmal im Jahr die weltweite Branche nach Nürnberg zur Spielwarenmesse, auf der noch bis Montag 2800 Aussteller aus 62 Ländern ihre Neuheiten anpreisen.

Dass im Jahr 2011 der Umsatz mit so genanntem klassischen Spielzeug erneut deutlich zugelegt hat, versetzt die Branche in Freude. Die Spitze des Deutschen Verbands der der Spielwaren-Industrie spricht davon, dass das Durchschnittsalter der Erstgebärenden gestiegen sei und eine sehr viel bewusstere Eltern-Generation mehr auf qualitativ gutes Spielzeug setze. Der Boom bei klassischem Spielzeug ohne Bildschirm dürfte in erster Linie mit der Schwäche des Videospielmarktes zu tun haben.

Nintendo, Sony & Co. schaffen es schon seit geraumer Zeit nicht mehr, Neues auf den Markt zu bringen. Die Logik des Spielwarenmarktes lautet aber: ohne Neuheiten weniger Umsatz. Weil die Verbraucher weniger Geld für die mitunter sündhaft teuren Video- und Konsolenspiele liegen lassen, bleibt mehr für das vermeintlich klassische Spielzeug übrig.

Doch der Begriff täuscht. Spielwaren sind heute häufig mit elektronischen Komponenten versehen. Dabei gibt es viel Ramsch, aber auch gute Ansätze. So macht beispielsweise der Spielehersteller Ravensburger vor, wie die Verknüpfung von Büchern, Puzzles und Elektronik eine neue Dimension erschließen kann. Wirklich klassisches Spielzeug wie Puppen und Modelleisenbahnen verliert in rasantem Tempo an Bedeutung. Das ist bitter für die betroffenen Hersteller. Ein verändertes Spielverhalten ist aber kein Grund zur Beunruhigung. Spielzeug spiegelt schlicht die Gesellschaft wider.

Anlass zur Sorge bietet vielmehr, dass sich Eltern und Großeltern nicht ernsthaft Gedanken machen, was gut für Kinder und Enkel ist. Anstatt den Kleinen Zeit und Raum zu geben, im Spiel zu versinken, werden Jungen und Mädchen einer großen Reizflut ausgesetzt. Dazu gehört, dass manche Kinder vor lauter Freizeitterminen kaum mehr Zeit zum Spielen haben.

Mütter und Väter sehen zu häufig das Spielen als zielgerichtete Vorbereitung für die Schule. Deshalb boomen elektronische Lernspielkonsolen seit Jahren. Grundkompetenzen wie Konzentration, Ausdauer, differenzierte Wahrnehmung und Frustrationstoleranz lernen die Kinder mit diesen Produkten selten. Sie können auch nicht ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Die Spielwelt ist vorgefertigt. Zudem werden sie mit akustischen und optischen Impulsen überzogen, zu Konsum und zum Zuschauen erzogen.

Weil viele Sechs- und Siebenjährige schon auf iPads und Laptops umsteigen, entwickeln die Hersteller von elektronischem Lernspielzeug Produkte bereits für Babys. Erschreckend am Boom der Lernspielkonsolen ist, dass viele Eltern den Werbebotschaften der Hersteller glauben und meinen, sie täten ihren Töchtern und Söhnen etwas Gutes. Meist ist das Gegenteil der Fall.

Dabei gibt es hierzulande tolles Spielzeug. Die Fülle des Angebots, auch von vielen kleinen Herstellern, ist zwar schwer zu überblicken. Doch wer Kinder fördern und stark machen will, sollte vor dieser Mühe und mehr Sorgfalt beim Spielzeugkauf nicht zurückschrecken. Das bildet die Basis, damit sich Kinder spielerisch entwickeln können.