Nirgendwo im Ostblock war das soziale Elend so groß, die Überwachung so total, nirgends ging die Macht so perfide und am Ende so brutal vor. Auch nach dem Sieg der Revolution mochte sich kein Optimismus einstellen. Marodierende Bergarbeiter fielen in Bukarest ein und verprügelten Oppositionelle, in Transsilvanien kam es zu Übergriffen auf die ungarische Minderheit. Um dem Land ein ähnliches Schicksal wie dem gerade zerfallenden Nachbarland Jugoslawien vorherzusagen, brauchte es nicht viel Phantasie.

Aber die Katastrophe blieb aus. Ein Vierteljahrhundert nach der Revolution ist Rumänien zwar kein Schlaraffen- und auch kein demokratisches Musterland, aber es ist Mitglied der Europäischen Union und der Nato, und die Zeichen stehen auf weitere - und raschere - Genesung. Die Boomjahre rund um den EU-Beitritt 2007 sind zwar vorbei, haben aber Spuren hinterlassen. Dass die Zeitungen täglich von einer gigantischen Korruption der politischen Klasse berichten, ist bei näherem Hinsehen ein gutes Zeichen: Anders als in Bulgarien wird das byzantinische Erbübel wenigstens bekämpft. Etliche Minister und sogar ein Regierungschef haben sich Gefängnisstrafen eingehandelt. In der Zwischenkriegszeit hat der Verdruss über die Korruption eine faschistische Bewegung befeuert. Heute stärkt er dagegen den - noch immer zu wenigen - mutigen Staatsanwälten und Richtern den Rücken. Zwar ist Rumänien auch heute noch nicht frei von nationalistischen Aufwallungen. Aber extremistische Parteien haben, anders als in Ungarn, keine Chance.

Ein gelassenes Urteil über Rumänien, das im Westen vornehmlich als Herkunftsland sogenannter Armutsflüchtlinge wahrgenommen wird, ist in Europa und im Lande selbst nur selten zu hören. In den Neunzigerjahren galt es als Heimat des "Postkommunismus" - ein schillernder Begriff mit wenig Inhalt.

Tatsache ist, dass es in Rumänien lange keine Abrechnung mit der Elite der Ceausescu-Diktatur gab, keine Lustration, keine Öffnung von Stasi-Akten, kaum Strafprozesse gegen Staatsverbrecher. Präsident Ion Iliescu hatte sich entschieden, den neuen Weg mit den alten Leuten zu gehen. Verbrechen blieben ungesühnt, und wenn doch einmal einer verurteilt wurde, durfte er auf Begnadigung hoffen. Es war eine lange, zähe, uninspirierte Schweigezeit, wie sie Deutschland sie in der Adenauer-Ära durchgemacht hat. Aber Iliescu hielt sein Land, wie seinerzeit Adenauer, immerhin fest auf Westkurs, anders als die Neokommunisten im Bulgarien des Jean Widenow, des einzigen historischen Geisterfahrers im Osteuropa der 90er-Jahre.

Man kann sich im Nachhinein zu Iliescus Weg zwar Alternativen vorstellen. Es sind aber auch etliche ungemütliche darunter. Zwischen 3,6 und 4,5 Millionen Rumänen waren KP-Mitglieder gewesen: Die Zahlen differieren, umfassen aber in jedem Fall fast die gesamte beruflich aktive Generation. Eine bürgerliche Dissidentenszene wie in Polen und der Tschechoslowakei gab es nicht, auch keine christlich-evangelische Parallelwelt. Wer sich eine Vorstellung davon machen will, wie zerstört diese Gesellschaft war und noch ist, kann sich in der modernen Belletristik des Landes umtun. Dass schon Demokratie herrschen würde, wenn erst der Diktator weg wäre, hat man in Rumänien aus gutem Grund nicht geglaubt.