LEITARTIKEL · PAPST: Aufbruch von oben

ELISABETH ZOLL 29.11.2013

Es sind die Tage großer Erklärungen. In Berlin verkündeten die Spitzen von Union und SPD, auf welcher Grundlage sie in den nächsten Jahren ihre Arbeit verrichten wollen, im Vatikan hatte tags zuvor Papst Franziskus auf 180 Seiten dargelegt, in welche Richtung er die katholische Weltkirche mit ihren 1,2 Milliarden Angehörigen steuern will. Es ist die erste umfassende Erklärung des neuen Pontifex zu seinem Verständnis von Christentum und der Rolle der Kirche. Sie markiert einen Aufbruch von oben.

Papst Franziskus beschränkt sich nicht auf fernsehtaugliche Gesten und Ansprachen. Im Apostolischen Schreiben gibt er seinen Ideen eine verbindliche Form. Und er fordert Konsequenzen: in den Ortskirchen und Diözesen, von Gläubigen und Amtsträgern in der Politik.

Aufbruch will er, Veränderungen im Geiste des Evangeliums. Und das heißt Abschied von Bequemlichkeiten und selbstverliebter Frömmelei. Nicht um sich selbst sollen Kirche und Kleriker kreisen, nicht die überlieferte Form der Liturgie und Verkündigung zum Allerheiligsten erheben, sondern das Evangelium selbst. "Neue Wege" sollen beschritten, "kreative Methoden" genutzt werden, um die christliche Botschaft in die Welt zu bringen.

In den vergangenen Jahrzehnten stand die katholische Kirche für Stillstand. Angst und Unsicherheit prägte das Klima, besonders in der Machtzentrale in Rom, wo die Zeit eingefroren schien. Aber auch auf Diözesan- und Gemeindeebene waren unkonventionelle Vorstöße nicht überall gelitten. Denunzianten meldeten jede noch so kleine Abweichung an die päpstliche Nuntiatur in Berlin oder gleich nach Rom.

Von all dem will Franziskus nichts wissen. Eine "verbeulte Kirche", die verletzt und schmutzig ist, ist ihm lieber als eine Kirche, die sich "aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, an die eigenen Sicherheiten klammert und krank ist". Im Geist des Evangeliums rausgehen in die Welt, Fehler machen, Blessuren kassieren, das ist seine Forderung. Alles ist in seinen Augen besser als in "grauem Pragmatismus" und scheinbarer Makellosigkeit zu erstarren.

Den Ortskirchen macht der Bischof von Rom Mut. Vom päpstlichen Lehramt dürfe man keine "endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen" erwarten. Daraus spricht Demut. Die Bischofskonferenzen seien kompetent genug, Lösungen für ihre Gemeinden zu finden. Seelsorgerische und pastorale Angebote müssen passen für die Menschen vor Ort. Der ehemalige Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch wird das mit Freude lesen, hat er doch gerade einen Vorstoß für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten gewagt.

Wie sich Papst Franziskus zu dieser Frage stellt, geht aus dem Schreiben nicht hervor. Andere Punkte sind klar: Abtreibung (abgelehnt), Frauenpriestertum (kein Thema), Zölibat (wird nicht erwähnt). Wo ordnet man also diesen Kirchenführer ein? Ist er ein Reformer, ein Liberaler oder doch ganz konservativ?

Auf jeden Fall ist Franziskus schwer zu fassen; mit großem Veränderungswillen ausgestattet und mit Kraft. Seine Worte werden nicht nur in der Kirche gehört. Er zielt auch auf die Politik mit seinen Forderungen nach Änderungen in der Flüchtlingspolitik, nach einer gerechteren Teilhabe für alle und einem Menschenbild, das sich nicht an Leistungsfähigkeit und Konsumbereitschaft orientiert. Deutlichkeit hat der Papst in seiner "Regierungserklärung" nicht gescheut. Das wird Widerstand generieren - nicht nur in der Politik. Auch erzkonservative Kirchenkreise werden sich hartnäckig sträuben, weniger das breite Kirchenvolk. Dem Aufbruch von oben muss die "Basis" folgen. Deren Zustimmung dürfte groß sein. Die katholische Kirche hat es leichter als die SPD.