LENA GRUNDHUBER  Uhr

Die Deutschen verliebten sich sofort in sie. "Ein bezauberndes Beispiel der erblühten Schönheit jener rätselhaften kurzen Epoche", so schrieb Rainer Maria Rilke in den 20er Jahren. Ihr Gesicht erhebe das "Gemüt des einfachsten Mannes", hieß es damals.

Als Nofretete 1924 das erste Mal in Berlin ausgestellt war, hatte sie mehr als 3300 Jahre auf dem Buckel und doch passte sie in die moderne Zeit mit ihrem neuen Frauenbild: eine exotische, schmale Schönheit mit leicht blasiertem Blick und extravagantem Kopfputz. Man kann sie sich gut als Filmschauspielerin im Berlin der 20er vorstellen, die in der "Bar zum Krokodil" steht und gelangweilt auf ihre Verehrer herabblickt.

Wenn die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von der ersten Präsentation der Nofretete mehr als zehn Jahre nach der Entdeckung erzählt, ahnt man, wie die Gemahlin des ägyptischen Sonnen-Königs Echnaton gewirkt haben muss. Nofretete und ihre bereits vor dem Ersten Weltkrieg ausgestellten "Familienmitglieder" aus dem sogenannten Amarna-Fund in der versunkenen Königsstadt trafen den Nerv des Großstadtpublikums.

Kaum erblickt, hatten die Deutschen diese Königin also zu der ihren gemacht. Zum 100. Jahrestag ihrer Ausgrabung am 6. Dezember 1912 wird sie nun erneut gefeiert: Von Freitag an läuft die Sonderausstellung im Neuen Museum, bei der es die "Mona Lisa Berlins" sogar zum Anfassen als Bronze-Replik gibt. Auf dass die erotische Faszination auch im 21. Jahrhundert ungebrochen bleibe.

Um schöne Frauen ist es selten friedlich, und so ist der 100. Jahrestag auch das Jubiläum eines erbitterten Streits. Immer wieder gab es Rückgabe-Forderungen aus Ägypten, wird der Verdacht geäußert, Nofretetes deutscher Entdecker Ludwig Borchardt habe die französische Altertümeraufsicht in Kairo getäuscht, als seine Funde - gemäß der damals geltenden Regel - je zur Hälfte geteilt wurden. Das geht bis hin zu der These, der "Klappaltar", der zum Ausgleich für Nofretete in Ägypten blieb, sei von Borchardt gefälscht worden. Oder drückten die französischen Verwalter im Interesse der internationalen Zusammenarbeit tatsächlich ein Auge zu, wie Kunstraub-Expertin Savoy beweisen will?

Wie auch immer der Deal gelaufen ist - die Ägypter selbst hatten dabei wenig zu melden. Deshalb bleibt ein ungutes Gefühl zurück, wenn Hermann Parzinger als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in aktuellen Interviews auf das Recht an der unschätzbar wertvollen Büste pocht. Nach den damaligen Gesetzen sei alles rechtens gewesen. Eine offizielle Rückforderung von der ägyptischen Regierung habe es nie gegeben, im Übrigen gehe es für alle Seiten darum, ein Weltkulturerbe zu bewahren.

Dass letzteres in Deutschland momentan sicherer zu gewährleisten ist als im revolutionär erschütterten Ägypten, wird man Parzinger kaum absprechen können. Wer wollte garantieren, dass die Schöne nicht politischen Wirren oder dem Hass islamistischer Bilderstürmer zum Opfer fällt? Zudem scheint in der neuen Ausstellung immerhin die Geschichte der Fundteilungen in der Kolonialzeit dokumentiert.

Doch darf man die Nofretete allen Ernstes als "Symbol für die Berliner Museumsinsel" vereinnahmen? Man mag sich zwar auf die damalige Rechtslage berufen, aber moralisch gehört Nofretete nicht uns. Es mag weh tun: Sie kommt nun mal vom Nil, nicht von der Spree. Überdies ist es keine 100 Jahre her, dass sie vor einem Bombenkrieg gerettet werden musste, den ihre deutschen Gastgeber angezettelt hatten. Diese Erinnerung sollte vor westlicher Arroganz schützen. Und daran gemahnen, dass "unsere" Königin bis auf weiteres nur ein geliebter Gast ist.