SWP Sehnsucht nach Sicherheit: Ist sie in den breiten deutschen Bevölkerungskreisen, gemeinhin Mittelschicht genannt, ausgeprägter als anderswo? Es scheint so und äußert sich darin, dass "German Angst" ein geflügeltes Wort ist.

Davon zeugen auch ausgeprägte Reflexe und Erklärmuster, wer die Störenfriede und Schuldigen seien, sobald diese Sehnsucht nach Sicherheit in den Augen dieser Mittelschicht nicht mehr gestillt wird.

Diese Verhaltensnorm erreicht nun schleichend die Flüchtlinge. Überlagert war dieses Thema bisher von einem machtvollen Kanzlerinnen-Wort, das in der Bevölkerung eine überwältigende Hilfsbereitschaft ausgelöst hat. Doch erst die nächste Zeit, wenn weiter Asylsuchende, Kriegs- und Armutsopfer zu uns kommen, werden zeigen, ob dieses Fundament des bürgerlichen Engagements stabil genug ist, einem Stimmungsumschwung zu trotzen. Oder ob die Synthese aus Liberalität, Hilfsbereitschaft und Weltoffenheit nur dünne Tünche ist.

Es geht also darum, der in der Mittelschicht latent vorhandenen deutschen Angst um Verluste von Wohlstand, Versorgung und Sozialstaatlichkeit zu begegnen und ihr sichere Gefühlslagen zu verschaffen. Diese politische Herausforderung wird nur zu meistern sein, wenn dem Mittelstand zu vermitteln ist, dass er wegen der Flüchtlinge nicht unter die Räder gerät. Starke Symbolkraft haben Kinderbetreuungs- und Bildungsangebote, aber auch der Wohnungsbau für alle und die Vermittlung von innerer Sicherheit.

Warum aber sind diese unterschwelligen Ängste hierzulande so ausgeprägt? Der Soziologe Steffen Mau, der untersucht, wohin die deutsche Mittelschicht driftet, findet Erklärungen in der kapitalen Häutung des Kapitalismus. Lange hatte die Mittelschicht von dessen Wirtschafts- und Wachstumsdynamik profitiert. Die demokratischen Strukturen des Westens zügelten Ungehemmtheiten, sorgten für einen gewissen Ausgleich in der Verteilung des Wohlstands, für den zwei Akteure verantwortlich waren: innovative Unternehmer und leistungsbereite, gut entlohnte Arbeiter. Balance also: zwischen Gleichmacherei, die, wenn sie übertrieben wird, die Motivation lähmt, und Ungleichheit, die, wenn sie ausufert, den sozialen Frieden bedroht. Arbeit und Kapital schienen versöhnt.

Das ist anders, seit sich die Blöcke aufgelöst haben. Mit dem Fall der Mauer ist ein neues europäisches Jahrhundert eingeläutet worden. Zugleich begann eine neue Form kapitalistischer Denkungsart und Handlungsweise. Die Globalisierung greift seither um sich. Sie sorgt dafür, dass sich Deutschland zunehmend entfernt von Ludwig Erhards Ideal einer zwar freien, aber auch sozialen Marktwirtschaft. Rating-Agenturen und Börsenparkette sind bestimmende Faktoren auf der politischen Bühne geworden.

Ökonomische Prinzipien sind an die Stelle gesellschaftlicher Willensbildung getreten. Daraus resultiert als Drohkulisse ein Bedeutungsverlust, wie die Mittelschicht ihn empfindet. Wenn nicht mehr die Gesellschaft als Ganzes über gesellschaftliche Prozesse entscheidet, sondern Mächte über ihr, braucht das Gesellschaftsgerüst die tragende Säule in der Mitte nicht mehr.

In so einer Phase wächst die Sehnsucht nach Sicherheit umso mehr. Tröstlich ist, dass die deutsche Mittelschicht - anders als etwa in Frankreich oder Österreich - bisher und hoffentlich über den Wahltag in Baden-Württemberg hinaus nicht in Heerscharen den Nationalisten und Populisten von rechts nachläuft. Damit dies so bleibt, bedarf es für die Mittelschicht politischer Antworten auf die Flüchtlingsfrage.

Ökonomische Prinzipien lösen die Willensbildung ab.

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