Leitartikel · LANDWIRTE: Machen statt Jammern

 
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SWP 25.06.2015

Von Dieter Keller

Endlich Regen, freuen sich zumindest die Landwirte in vielen Teilen Deutschlands. Denn in den vergangenen Wochen gab es viel zu wenig Niederschlag, weshalb sie schon bei Getreide und Raps Ernteausfälle befürchten. Nur in Teilen Baden-Württembergs und Bayerns klagen die Bauern über viel zu viel Nass von oben, was auch wieder schlecht ist. Das bestätigt die alte Regel, dass ihr Berufsstand vom Jammern lebt. Fällt die Ernte klein aus, klagen sie über die Ausfälle. Rekordernten sind ihnen aber auch nicht recht, weil dann die Preise verfallen. Dass ein Jahr gut war, merkt man meist erst im Nachhinein, wenn die Klagen im Jahr darauf noch lauter ausfallen.

Beim Deutschen Bauerntag in Erfurt haben die Landwirte jede Menge zu besprechen. Sie haben nicht nur mit dem Wetter zu kämpfen, sondern auch mit dem Mindestlohn, den Tücken der weltweiten Märkte und den Ausfällen im Export nach Russland. Zudem beklagen sie ihr schlechtes Image. Das Motto "Veränderung gestalten" des Bauerntags klingt nach einem Umdenken. Das wäre erfreulich. Doch sind Zweifel erlaubt. Die offiziellen Vertreter des Bauernverbands haben in der Vergangenheit weniger gestaltet als gebremst, wenn es um Themen wie Tierwohl oder Bioproduktion ging. Zu Veränderungen musste man sie eher tragen, als dass sie an der Spitze der Bewegung standen. Wobei die Opposition alternativer Verbände zeigt, dass manche Landwirte anders denken.

Es gibt jede Menge Widersprüche. Die Bürger haben immer noch den Kuschel-Bauernhof von nebenan im Hinterkopf, wo sich glückliche Schweine suhlen und die Hühner auf der Wiese herumpicken. Die Verbraucher realisieren nicht, dass diese "gute alte Landwirtschaft" auch Schattenseiten hatte. Zudem sieht die Realität längst anders aus. Heutzutage wird produziert wie in einem Industriebetrieb. Selbst Biohöfe können nur mit professionellem Management überleben. Doch die Industrialisierung, insbesondere die Massentierhaltung, hat Grenzen. Wenn manche im Bauernverband beklagen, Schuld am schlechten Ruf seien nur die Medien und kritische Verbände, machen sie es sich zu einfach.

Bei den Produkten gilt Regionales als besonders beliebt bei den Käufern. Ob bei Spargel oder Erdbeeren, sie achten auf die Herkunft. Dazu passt nicht, dass die Bauern klagen, sie könnten die Kosten des Mindestlohns nicht an die Verbraucher weitergeben, weil gerade in östlichen Nachbarländern zu viel niedrigeren Löhnen geerntet werde. Sie drohen schon damit, künftig Felder nicht mehr zu bebauen, weil es sich nicht mehr rechne.

Auch mit dem Tierwohl ist es so eine Sache. In Umfragen betonen die Verbraucher, wie wichtig dies ihnen ist. Beim Einkauf dagegen greifen sie häufig zum günstigsten Angebot beim Discounter, obwohl sie wissen müssten, dass zu diesem Preis keine artgerechte Tierhaltung möglich ist. Dagegen sollen jetzt genau vier Cent helfen. So viel werden bei der neuesten Aktion der Bauern pro Kilogramm Fleisch eingesammelt, um für bessere Bedingungen in den Ställen zu sorgen. Gemessen am Preis für Schweine- und Hähnchenfleisch sind vier Cent reichlich wenig. Das wirkt keine Wunder.

Es ist dem Bauernverband nicht gelungen, die Leistungen des Berufsstandes in ein positives Licht zu rücken. Beispielsweise bei der Landschaftspflege, die alles andere als selbstverständlich ist. Jetzt will er eine Werbekampagne starten. Sie wird nur helfen, wenn ihm der glaubwürdige Abschied von einer Politik der Masse statt der Klasse gelingt, und das nachhaltig.

Bisher hat der Verband eher gebremst als gestaltet.

leitartikel@swp.de

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