ALFRED WIEDEMANN  Uhr

Bald 30 Jahre ist das schon wieder her, damals in Westberlin, im Hörsaal. Einführung für neue Studenten. Unvergesslich: In der Ecke ein großes Hallo - da haben sich Oberbayern gefunden. Ungeniert wird im Dialekt parliert, und alle können mithören. Undenkbar für die Schwaben, die auch da sind. Die haben schon genug Mühe, beim Bäcker in der Fremde an Weckle und Berliner zu kommen.

"Mir san mir", Bayern verkrampfen nicht, wenn es um Dialekt geht, Schwaben schon. Das Image ist eben so, auch heute noch: Während Berliner, "arm, aber sexy", das Geld mit vollen Händen ausgeben, gelten Baden-Württemberger als die Langweiler, die immerhin aber Milliarden für den Länderfinanzausgleich ranschaffen. Bodenständig, fleißig, sparsam. Wenigstens für die Alt-Württemberger ist an diesem Klischee einiges dran. Badener dagegen haben schon immer den Ruf weg, offener, lebensfroher zu sein.

60 Jahre wird der Südweststaat heute alt, als Baden-Württemberger bezeichnen sich aber die wenigsten. Badener, Älbler, Hohenloher, Kurpfälzer, das ist man zuerst. Historisch bedingt durch die frühere Kleinstaaterei, haben sich große und kleine Unterschiede gehalten. Man hat sich zwar angenähert und angeglichen, aber seine Identität nicht aufgegeben. Nicht nur die Badener hätten das auch gar nicht geduldet, wollten viele von ihnen zuerst doch partout nicht mit dem größeren Nachbarn zusammengehen. Der Widerstand war zäh, die Württemberger mit Winkelzügen schließlich erfolgreich. Keine Liebesheirat, eher eine Vernunftehe. Aber die ist ganz vorzeigbar geworden.

Und so bieder und brav, wie außerhalb gern beschrieben, waren Baden-Württemberger auch nie. Da muss man nicht erst mit den Gegnern des Stuttgarter Tunnelbahnhof kommen: In den 70er Jahren die Proteste gegen das Atomkraftwerk Wyhl, in den 80ern Sitzblockaden in Mutlangen und Menschenkette über die Alb gegen Atomraketen. Bei allem Schaffen blieb immer Zeit, um auf die Straße zu gehen, wenns richtig wichtig war. Nebenher brachte man 1999 auch noch die erfolgreichste Regionskampagne aufs Gleis. Mit dem Spruch "Wir können alles. Außer Hochdeutsch." zeigte sich der Südwesten plötzlich ungewohnt frech - und die Lockerheit kam auch gut an.

60 Jahre Vernunftehe also, und Badener und Württemberger können sich gewiss nicht beklagen. Mit seiner Vielfältigkeit hat sich das Bindestrichland gut entwickelt. Millionen Zugegezogene sind integriert worden, von Heimatvertriebenen über "Gastarbeiter" bis zu Spätaussiedlern. Das Land steht wirtschaftlich sehr gut da, weil Mittelständler wie Konzerne mit ihren Mitarbeitern erfolgreich geschirren. Das Gefälle zwischen Ballungsräumen und ländlichen Gebieten ist so gering wie in keinem anderen Bundesland.

Schon 1955 steht es in einem Gutachten für das Bundesinnenministerium: "Für die Ergänzung der verschiedenen Wirtschafszweige untereinander, für die Zusammenfassung als Ganzes und für seine Gliederung im Einzelnen, kann Baden-Württemberg als ein Muster wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit bezeichnet werden." Die Geburt des Musterlandes. Seither ist die Schieflage in der Leistungsfähigkeit der 16 Bundesländer viel größer geworden. Trotzdem ist Baden-Württemberg die einzige Länderfusion geblieben. 1996 scheiterte das Zusammengehen Berlins mit Brandenburg. Kein Grund, auf neue Versuche zu verzichten, auch wenn die noch so mühselig werden. Wenn es die Länder ernst meinen mit ihren Schuldenbremsen, könnte das Fusionen befördern.

Wir Baden-Württemberger jedenfalls können stolz sein auf das Erreichte. Nein, übertreiben wir es lieber nicht. Freuen wir uns einfach darüber, ausnahmsweise nicht nur hälinge.