Stuttgart Leitartikel · Kirchentag - Wahrer Reichtum

 
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Stuttgart / SWP 08.06.2015
Es war eine heiße Sache: der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag. Am gestrigen Sonntag ging er zu Ende - und er hat gezeigt, welches Potenzial Christen in die Gesellschaft einbringen. Ein Leitartikel von Elisabeth Zoll zum Kirchentag in Stuttgart.

"Ein Festival des Ehrenamtes", nannte Bundespräsident Joachim Gauck das Glaubensfest der Laien. Und er hatte dabei nicht nur die vielen tausend Mitwirkenden im Blick, ohne die eine solche Großveranstaltung nicht zu bewerkstelligen wäre.

Der Kirchentag ist Sammelpunkt eines aktiven Teils der Gesellschaft. In hundertfacher Zahl präsentierten sich hier Initiativen und Solidaritätsgruppen. Klimafreunde trafen sozial Engagierte aus Pflege und Hospizbewegungen, Vertreter von Flüchtlingsinitiativen, Afrika-Freunde, Israel-Begeisterte, Anhänger fairer Wirtschaftsstrukturen. Die Gesellschaft profitiert von dieser Einsatzfreude. Denn engagierte Bürger widersetzen sich mit ihrem Tun der Resignation, die so viele angesichts von Krieg und Krisen befällt. Ihr Einmischen ist ein Gegenpol zu jenen, die mit Radau und dumpfer Polemik eigener Ohnmacht begegnen wollen. Kurz: Erst ihr Engagement macht das wohlhabende Deutschland wirklich reich.

Verbindendes Band zwischen den Aktiven war in Stuttgart der Glaube. Beten, Handeln und sich auseinandersetzen mit aktuellen Fragen der Politik, anderen Religionen oder auch einmal mit den fremden Brüdern und Schwestern im eigenen kirchlichen Verband. In Stuttgart boten sich viele Gelegenheiten: liberale Protestanten trafen auf Andersgläubige oder Pietisten (und umgekehrt), Visionäre auf Macher, Wähler auf Politiker. Die direkte Begegnung forderte heraus eigene Positionen zu erklären und Fremdes anzuhören, auch wenn das nicht ins eigene Gedankenschema passt. Oft wurde heiß diskutiert, doch ausgebuht wurde keiner. Dabei herrschte kein Mangel an Kontroversen: beim Thema Flüchtlinge, dem Freihandelsabkommen TTIP oder Fragen von Krieg und Frieden.

Manch ein Brückenschlag ist dem Kirchentag gelungen: 46 Jahre nachdem sich ebenfalls in Stuttgart politisch engagierte Protestanten und Pietisten für Jahrzehnte entzweit hatten, kam es dieses Jahr zu einer Annäherung, die, so deutete die Generalsekretärin des Kirchentags Ellen Ueberschär an, wohl weiter wirken wird, auch in den Kirchentag 2017 in Berlin hinein.

Andere Verbindungen haben sich als stabil erwiesen: Fast das ganze Kabinett der großen Koalition in Berlin war auf Podien oder mit Bibelinterpretationen vertreten. Das bürgerliche Christentreffen bietet eine wohlwollende Bühne für die Regierung, selbst wenn in Umfragen eine Mehrheit der Kirchentagsbesucher den Grünen zugeneigt ist.

Es zeigen sich aber auch neue Bruchlinien. Gruppen der Friedensbewegung und des Palästina-Solidaritätsnetzes fanden im offiziellen Programm keinen Platz. Sie wurden von der Kirchentagsleitung bewusst ausgegrenzt. Zuviel Polarisierung, zuviel Konflikt. Ganz so, als könne über Krieg und Frieden nur in der Bandbreite der großen Koalition gesprochen werden.

Gehör fanden die an den Rand gedrängten Basisgruppen dennoch. 1500 Menschen bildeten trotz flirrender Hitze eine Menschenkette, um gegen die Stuttgarter US-Kommandozentralen Africom und Eucom zu demonstrieren.

Es müsste in dieser neuen Abgrenzung nicht das letzte Wort gesprochen sein. Der Kirchentag in Stuttgart gibt Anlass zur Hoffnung: "Auf dass wir klug werden" hieß seine Losung. Und klug werden im umfassenden Sinn kann jeder, auch das Kirchentagspräsidium.

Ein Brückenschlag und eine neue Ausgrenzung.

leitartikel@swp.de

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