Können Katholiken lachen? Womöglich über sich selbst? Ja, sie können es. Leichtigkeit liegt über dem 98. Katholikentag in Mannheim. Dort wurde gelacht, geschwatzt, gebetet und gesungen. Es macht Freude im Glauben verankert zu sein, war die Botschaft. Gestärkt werden zehntausende Teilnehmer in ihre Kirchengemeinden zurückkehren.

Viele von ihnen werden von den Tagen in Mannheim zehren müssen. Der Alltag in den Gemeinden ist oft ernüchternd. In immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten fehlen geistliche und seelsorgerische Ansprache. Auch die Vereinzelung wächst. Außerordentlich viele Gläubige sind im Zuge der öffentlich gewordenen Missbrauchsskandale von Geistlichen in den vergangenen Jahren aus der Kirche ausgetreten, andere tauchten ab. Die katholische Kirche steckt in einer Vertrauenskrise. Wer denkt, das Glaubwürdigkeitsproblem sei nach den Gesprächen mit Missbrauchsopfern am runden Tisch obsolet, hat die Tiefe der Krise nicht begriffen.

Es braucht einen neuen Aufbruch. Der Katholikentag hat dies mit seinem Motto "Einen neuen Aufbruch wagen" vorgegeben. Das Thema verrät viel. Wer neu aufbrechen will, hat bereits Aufbrüche gehabt. Ein besonders tiefgreifender war das Zweite Vatikanische Konzil, dessen Beginn sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt. Die Sprache in den Kirchen änderte sich, die Beziehung zu anderen Religionen, das Recht auf Religionsfreiheit wurde postuliert, Laien als Teil des "allgemeinen Priestertums" anerkannt. Doch der Aufbruch ist verblasst. An Stellschrauben wird zurückgedreht. Die vermutlich bevorstehende Einigung mit der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft, die sich aus Protest gegen das Konzil einst von Rom trennte, ist der auffälligste Marker für eine zumindest teilweise Rückkehr zum alten Geist.

Da wirkt die Forderung nach einem "neuen Aufbruch" fast wie ein verzweifelter Schrei. Der um Ausgleich mit Rom bemühte Vorsitzende des Zentralkomitees deutscher Katholiken (ZdK), Alois Glück, wird nicht müde, Reformen anzumahnen. Es bleibe wenig Zeit. Die Amtskirche müsse sich bewegen. Sonst stünde sie bald vor einer extrem schwierigen Zeit, sagt er. Der Salzburger Dogmatik-Professor Hans-Joachim Sander wird noch deutlicher: Die schweigende Mehrheit der Katholiken lasse sich nicht mehr alles bieten. Entweder die Amtskirche wage einen neuen Aufbruch oder das Kirchenvolk breche ohne sie auf. Ansätze dazu gibt es. In Österreich mit der Pfarrerinitiative, die zum Ungehorsam aufrief, in Deutschland mit den vielen neuen Initiativgruppen. Sie stehen für das Aufbegehren der Treuen.

Beim Katholikentag war dieser Geist zu spüren. Fast kein Diskussionsthema wurde ausgespart, unterschiedlichste Gruppen stellten ihre Formen von Glaubensvermittlung und Glaubenteilen vor. Wer hätte sich vor kurzem vorstellen können, dass das Zentrum einer jungen Kirchengemeinde im Bistum Hildesheim eine Kneipe ist? Neue Begegnungsformen werden ausprobiert, auch mit bischöflichem Segen. Der Kirchentag zeigte Spielräume auf. Die Frage nach einem neuen System stellte er nicht. Das geschah in Veranstaltungen des Alternativen Zentrums, zu dem linke Kirchenreformgruppen eingeladen hatten.

Das offizielle Programm blieb auf Linie - die Spaltung innerhalb der katholischen Kirche überdecken kann das nicht. Die Distanzierung konservativer Bischöfe vom Geschehen war unübersehbar, der beschämende Ausfall des Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller, der Reformgruppen eine "parasitäre Existenzform" zusprach, war Ausdruck dafür. Darüber kann der ermutigende Katholikentag nicht hinwegtäuschen. Der Richtungskampf in der katholischen Kirche läuft auf Hochtouren.