LEITARTIKEL · JUDENTUM: Wie sehr unter uns?

HANS-ULI THIERER 01.12.2012

Wer sich mit dem Judentum in Deutschland nach dem Krieg befasst, sollte sich erst einmal mit dem Nazitum nach dem Krieg auseinandersetzen. Es war ja so, dass deutsche Justiz, Verwaltung, Politik und Wirtschaft anfangs durchsetzt waren von alten Nazis und ihren Gesinnungsfreunden. Weil "die was von Staat und vom Staats- und Wirtschaftsapparat verstanden", wie es hieß, lebte die junge Republik bis zur Studentenrevolte ("Unter den Talaren Muff von tausend Jahren") in treu-deutscher Beständigkeit. Was man lange nicht laut sagen durfte, bringt einem heute dank eines unverkrampfteren Umgangs mit der Geschichte Hitler-Deutschlands nicht mehr Schimpf und Schande ein.

Von solcher Kontinuität konnte in Bezug auf jüdisches Leben nicht die Rede sein. Wie auch nach dem Holocaust? Nehmen wir das damals biedere schwäbische Ulm exemplarisch für die Geschehen vielerorts in Deutschland. Ulm, wo morgen in Anwesenheit des Bundespräsidenten Gauck eine Synagoge eröffnet wird, hatte seinerzeit eine stattliche jüdische Gemeinde von bis zu 700 Mitgliedern. 1933, als Hitler an die Macht kam und Ulm Nazi-Hochburg war, lebten noch 530 Juden in der Donaustadt. 1945 war es keiner mehr. Es dauerte bis in die 50er Jahre, ehe der erste jüdische Emigrant aus Palästina zurückkehrte. Jüdisches Gemeindeleben aber wollte sich noch lange nicht etablieren.

Bis heute nicht. Denn dieses jüdische Leben beginnt erst jetzt wieder Fuß zu fassen. Ein Judentum, das in nichts mehr erinnert an die ehemalige jüdische Gemeinde. Denn bei den meisten heutigen Ulmer Juden handelt es sich wie bei fast allen 3100 in Württemberg um Aussiedler aus Osteuropa, also weder um hier geborene Juden noch um Nachfahren. Sie kommen meist aus ehemaligen Sowjet-Republiken. Viele ihrer Ahnen, manche Hochbetagte auch selber, litten ebenfalls unter Hitler, ebenso unter Stalin, unter dem Krieg und dessen Folgen.

Auch die Aussöhnung mit diesen Juden ist ein Vermächtnis der deutschen Geschichte. Zweifellos. Dass dies begriffen worden ist, unterstreicht eine großartige Geste der Stadt Ulm: Sie hat der jüdischen Gemeinde mitten in der Stadt nahe dem Ort, an dem am 9. November 1938 die alte Synagoge gebrannt hatte, das Grundstück zur Verfügung gestellt für einen modernen, großartig gelungenen Neubau. Wer aber glaubt, mit dieser neuen Synagoge für die 450 Mitglieder der Ulmer Gemeinde, die sich erstreckt von Heidenheim bis zum Bodensee, ende die Integration, täuscht sich gewaltig. Sie steht erst am Anfang.

Der Eingliederungsprozess erschöpft sich nicht in der Re-Integration einer bis 1933 - und eben anders als der Islam - in Deutschland weit verbreiteten Religion. Die Herkunft der neuen deutschen Juden erfordert es, sich auch aneinander, an Lebensweisen und Kulturkreise zu gewöhnen. Wie schwer in einem nachkriegsverfassten Deutschland allein das religiöse Miteinander fällt, zeigt die Debatte über ein Beschneidungsgesetz, die die jüdische Orthodoxie zweifeln ließ, ob Juden überhaupt willkommen seien. Das ist eine ungerechte Frage in einer säkularen Gesellschaft, in der Staats- über Religionsrecht geht und in einem Land, dessen Grundgesetz die körperliche Unversehrtheit schützt.

Die Juden müssen darauf gefasst sein, dass, sollte der Berliner Regierungsentwurf Gesetz werden, dieses Gesetz vor dem Verfassungsgericht standhalten muss. Denn eine Klage wird kommen - so sicher wie das Amen in christlichen Kirchen.

Solche Themen rücken morgen in Ulm in den Hintergrund. Es dominiert Freude über eine Synagoge in herausragendem Städtebau und in formidabler Architektur im Herzen der Stadt. Das Judentum hat wieder Platz gefunden mitten unter uns. Zunächst einmal baulich. Aber das immerhin.

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