Marino verspricht mitten im Sommer, bis zum Beginn des Heiligen Jahrs in diesem Dezember all das zu tun, was er die ersten zwei Jahre seines Mandats versäumt hat: die marode Infrastruktur instandzusetzen und zu modernisieren. Den schrittweise unter dem Namen Mafia Capitale aufgedeckten Korruptionssumpf schreibt er derweil seinen Vorgängern zu, obwohl sich unter den zahlreichen Verdächtigen auch Parteikollegen von ihm befinden.

Marinos Parteifreund Renzi ist mit anderthalb Jahren zwar etwas kürzer in der politischen Verantwortung. Seit er seinen Vorgänger Enrico Letta aus dem Amt des Premierministers drängte, hat Renzi Italien jedoch allmählich aus den internationalen Schlagzeilen verschwinden lassen. Allgegenwärtigen Widerständen gegen jede Veränderung kontert er mit einer Politik der kleinen Schritte zur umfassenden Modernisierung des Landes. So machte er ernst mit dem Vorhaben, die alte Nomenklatura der Partei zu entmachten. Auch wichtige Reformen ging er an. Er setzte eine Lockerung der Kündigungsfristen durch, um neue Arbeitsplätze zu schaffen, begann die Verwaltung zu verschlanken und führte in den Schulen ein Leistungsprinzip für Lehrer ein, um deren Arbeit den Anforderungen von heute anzupassen.

Weihnachtsgänse würden nicht für Weihnachten stimmen, ebenso wenig die italienischen Senatoren für die Abschaffung des Senats, heißt es in Italien. Paradoxer Weise hat Renzi in der kleineren Parlamentskammer jedoch nicht vorrangig mit Widerstand aus anderen Parteien zu kämpfen. Eine hartnäckige Opposition kommt aus seiner sozialdemokratischen Partito Democratico. Renzis Annäherungsversuche an die in mehrere Parteien zerfallende Opposition von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi schürt noch deren Widerstand. Ohne Unterstützung von Berlusconis einstigem Kronprinzen Angelino Alfano könnte Renzi sich seiner Regierungsmehrheit jedoch nicht sicher sein.

Derweil droht die Wirtschaftskrise den unterentwickelten Süden Italiens auszutrocknen. Jeder dritte Süditaliener ist von Armut bedroht. Seit acht Jahren schrumpft die Wirtschaftsleistung in diesem Landesteil, während das übrige Italien ein Plus aufweist - wenn auch kein großes. Statt nach Lösungen für die Strukturprobleme des Südens sucht der mit großen Hoffnungen gewählte Gouverneur von Sizilien derweil lieber nach Schuldigen. Rosario Crocetta sieht in Vorurteilen gegen seine Homosexualität den Grund für die Reformblockade. Kein Ruhmesblatt für den in Italien notwendigen Kampf für Homosexuellenrechte. Mit sinkenden Investitionen und Bevölkerungszahlen droht der Süden, zu Europas vergessenem Hinterhof zu werden - garniert mit Ruinen auf der Weltkulturerbe-Liste.

Angewidert von einer Politik, die ihre Chancen zunichte machte, wandern viele junge Italiener aus. Rund 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit weist ihnen den Weg in die Emigration. Das ohnehin nicht über ein funktionierendes Sozialsystem verfügende Italien kämpft dabei gleichzeitig mit einem Zustrom an Flüchtlingen, mit dem viele andere EU-Länder nichts zu tun haben wollen. Die Mehrheit der Ankömmlinge strebt zwar nach Nordeuropa. Für die Erstversorgung ist jedoch Italien zuständig, das ebenso wie Griechenland selbst Arbeitslose aus dem eigenen Land nicht mit staatlichen Hilfen versorgt.

Auf seine Partei kann sich Premier Renzi nur bedingt verlassen.

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