LEITARTIKEL · HOCHWASSER: Aller Mühe wert

MARTIN HOFMANN 22.06.2013

Das Wasser fließt langsam ab, das große Aufräumen der verheerenden Folgen für tausende Menschen hat erst begonnen. Noch ist nicht klar, ob die Schäden an der Elbe die Summe des Hochwassers von 2002 - geschätzte elf Milliarden Euro - erreichen. An der Donau dürften sie höher liegen als 2005 mit 2,2 Milliarden Euro. Das sind enorme Summen.

Es ist daher zu früh, die Bilanz dieser Katastrophe zu ziehen. Die große Solidarität mit den Flutopfern - neben der Spendenbereitschaft vor allem die freiwillige Hilfe Zigtausender - ist jedoch ein gutes Zeichen für diese Gesellschaft. Sie sollte positiv genutzt werden. Ein effektiver Hochwasserschutz setzt voraus, dass die Bewohner im gesamten Einzugsbereich eines großen Fließgewässers eigene Interessen zurückstellen und Lösungen akzeptieren, die echte Vorsorge ermöglichen. Sonst wird sich die nächste "Jahrhundertflut" wieder in Städte und Gemeinden ergießen, Privathäuser oder zumindest ihr Inventar zerstören, Betriebe, Ernten und damit Existenzen vernichten.

Extreme Starkniederschläge bedingt durch besondere Wettersituationen so zu beherrschen, dass sie Flusstäler nicht in riesige Seenlandschaften verwandeln, ist eine gewaltige Aufgabe. Ein Mangel an wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie dies gelingen kann, besteht nicht. Zuletzt haben Wasserkundler und Geologen der Freien Universität Berlin detaillierte Untersuchungen an der Flöha im Erzgebirge angestellt. Nur ein Ergebnis: Die Flutwelle lässt sich durch 32 kleinere Rückhaltebecken um fast die Hälfte verringern, der Abfluss um 6 bis 10 Stunden verzögern.

Nun sind Überlaufbecken nur eine von zahllosen Varianten, um Regenmengen bereits an den Oberläufen der Bäche und Flüsse zurückzuhalten. Dazu dienen Wälder und Wiesen, bepflanzte Feldraine, Ackerflächen, auf denen Böden nicht unnötig verdichtet werden. Wichtig ist der Verzicht auf das Versiegeln von Flächen in der Landschaft, ob Feldwege, Parkplätze oder Drainagen. Jeder Eingriff, der den Wasserabfluss beschleunigt, ist im Zweifel zu verwerfen. Vorhandene Senken, die Regen auffangen, sollten erhalten werden. Es gilt, Flussläufe nicht in Kanäle zu verwandeln und ihre Ufer zu bepflanzen.

Kinkerlitzchen? Die Vielzahl der Maßnahmen bringt weit mehr als der Versuch, allein mit technischen Großbauten den Wassermassen zu begegnen. Den großen Flüssen ist jedoch Überschwemmungsfläche zurückzugeben, wo dies immer möglich ist. Entschärfend wirken Polder und das Rückverlegen von Deichen. Dass es ohne sie nicht geht, ist klar. Für kurze Zeit besteht die Chance der Umsiedlung. Wenn Gebäude wegen Flutschäden abgerissen werden müssen, ist Eigentümern ein Ersatzgrundstück außerhalb des Überflutungsgebiets anzubieten. Daran darf kein Umzug scheitern.

Hochwasserschutz funktioniert nur in einer ganzen, oft grenzüberschreitenden Region. Gelingt es nicht, sie zügig umzusetzen, wächst die Gefahr eines wiederkehrenden, kostspieligen Reparaturbetriebs inklusive milliardenschwerer Opferhilfe. Politik und Gesellschaft sollten deshalb das Wir-Gefühl nutzen, das jetzt entstanden ist. Die Einsicht, zugunsten Dritter - am Unterlauf eines Flusses Lebender - auf Besitzstände zu verzichten und Eingriffe zu akzeptieren, schwindet so schnell wie die Erinnerung an Bilder mit Siedlungen, wo nur noch Dächer aus der Flut ragten. Bürokratischer Hickhack darf Schutzvorhaben ebenfalls nicht verzögern. Bürger sollten ihre neu geübte Solidarität einsetzen, um den Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen.

Die Welt bietet zu viele Naturereignisse, die der Mensch zu beherrschen glaubt. Gegen Hochwasser wird es keinen absoluten Schutz geben. Die Folgen zu mindern, ist aller Mühe wert.