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Entsetzt - so zeigte sich der Deutsche Kulturrat über die Entscheidung: Diese Woche hat die EU-Kommission eine Europäische Bürgerinitiative gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP aus formalen Gründen abgelehnt. Eine Million Unterschriften wollte das Bündnis sammeln, um den umstrittenen Vertrag zu stoppen, der Handelsbarrieren zwischen Europa und den USA abbauen und Normen angleichen soll. Unter Umwelt- und Verbraucherschützern gilt er als Teufelswerk: Das "Chlorhühnchen" steht schon sprichwörtlich für die Furcht vor sinkenden Standards.

Mit der Ablehnung schlage die Kommission die "einen Spalt geöffnete Tür für mehr Transparenz" zu, poltert Olaf Zimmermann als Geschäftsführer des Kulturrats. Was hat der Mann mit Hühnern zu tun? Mehr als man glaubt: Der Kulturrat kämpft an vorderster Front gegen TTIP, denn wenn die Befürchtungen der Kulturschaffenden einträfen, ginge es ums Ganze: um die Kultur, wie sie Europa definiert, als immaterielles Gut, das staatlichen Schutz genießt und genießen soll.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters spricht von zwei Modellen. Während in den USA 87 Prozent privat finanziert seien, verhalte es sich in Deutschland genau umgekehrt: Hier seien es 87 Prozent staatliche Förderung. Die Sorge um unser Kulturverständnis sei berechtigt. Grütters fordert also eine Schutzklausel für die Kultur, um das größte Schreckgespenst zu bannen: den Investitionsschutz für Unternehmen, die Schiedsgerichte anrufen könnten, um Staaten auf Schadenersatz zu verklagen und gegen Benachteiligungen vorzugehen.

Das löst massive Ängste aus. Denn ist nicht jede Subvention wettbewerbsverzerrend? Könnte dann nicht jede kommerzielle Theatre-Company aus Übersee Förderung beanspruchen, so wie das Stadtheater auch? Was ist mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mit der Filmförderung, mit Volkshochschulen, was mit der Buchpreisbindung? Der rabiate Preiskampf, den Amazon gegen die Verlage führt, scheint wie ein Fanal dessen, was da droht.

Indes, die EU-Kommission wiegelt ab: Mit der Preisbindung benachteilige man keine Bücher aus dem Ausland, der Rundfunk falle unter die Ausnahme für den audiovisuellen Bereich. Aussagen, auf die man sich verlassen muss, die Verhandlungen sind nichtöffentlich. Doch dass das Unesco-Abkommen zum Schutz der kulturellen Vielfalt einen gewieften Wirtschaftsanwalt das Fürchten lehrt, wagt man kaum zu hoffen.

Die deutsche Kulturszene wäre nicht halb so liebenswert, riefe eine solche Bemerkung nicht die Kritiker der Kritiker auf den Plan. Antiamerikanische Reflexe subventionsgesättigter Funktionäre seien deren Warnungen. Worauf man ebenso polemisch entgegnen kann: Der Deutsche Kulturrat hat die Finanzkrisen nicht erfunden - in der Angst, die TTIP auslöst, zeigt sich vor allem ein Vertrauensproblem. Das Gefühl vieler Bürger, aus einer Entscheidung ausgeschlossen zu sein, die 800 Millionen Menschen betreffen soll, ist bedenklich genug.

Und wie halten wirs mit der Kultur? Besonders absurd sei, dass man sie überhaupt aus dem Warenkorb des Freihandelsabkommens entfernen müsse, hat Ökonom und Regisseur Matthias von Hartz unlängst gesagt. Er lehne nicht das Abkommen ab, sondern das zugrundeliegende Denken. Es geht um die Idee, dass alles verhandelbar sei. Dass Wert nur hat, was verwertet werden kann. Ob man das möchte, ist die Gretchenfrage. Und es spricht für diese Kultur, dass darüber so heftig gestritten wird.