Wenn Johannes Schultze-Fabricius zur Körperpflege schreitet, dann läuft das so ab: Erst lässt er kaltes Wasser in die Wanne einlaufen. Dann gibt er eine Deckelkappe Badeschaum dazu, damit eine schaumige Oberfläche entsteht, durch die kein Wasserdampf dringen kann. Er nimmt den Brausekopf, taucht ihn runter auf den Badewannenboden und dreht das Heißwasser auf, bis die Temperatur angenehm ist. Dann geht er baden.

Das war nicht immer so. Bis November vergangenen Jahres hat der 70-Jährige in der Regel geduscht. Dann verhängte das Gesundheitsamt ein Duschverbot. Nicht nur für Schultze-Fabricius, sondern für alle 500 Bewohner des Donaucenters in der Neu-Ulmer Innenstadt. Bei Wasserproben war in dem 17-stöckigen Haus ein massiver Befall mit Legionellen festgestellt worden. Die stäbchenförmigen Bakterien gedeihen in 25 bis 60 Grad warmem Wasser. In toten Leitungen oder auch in Verteileranlagen, in denen Wasser lange steht, vermehren sie sich geradezu explosionsartig. In einigen oft leerstehenden Wohnungen wurden bis zu 15 500 Kolonien bildende Einheiten, kurz KBE, gemessen. Fachleute sprechen bei Werten über 10 000 KBE von einer "extrem hohen Konzentration". Bei mehr als 1000 KBE ist eine Sanierung zwingend erforderlich.

Und so wurde auch der Eigentümergemeinschaft im Donaucenter behördlicherseits auferlegt, eine Gefährdungsanalyse und ein Sanierungskonzept ausarbeiten zu lassen. Was sich als nicht einfach herausstellte. Reihenweise hätten Ingenieurbüros abgewunken, sagt Jochen Sporhan, der Sprecher der Eigentümergemeinschaft. Von Zeit zu Zeit werden die Wasserleitungen im Haus nun unter Einsatz chemikalischer Mittel durchgespült. Dann sitzen die Bewohner ganz auf dem Trockenen. Sie sollen das Wasser auch nicht zum Waschen verwenden - nicht wegen der Legionellen, sondern wegen der Chemie.

Legionellen können die Legionärskrankheit auslösen, eine schwere Form der Lungenentzündung. Entdeckt wurden sie erstmals 1976 in einem Hotel in Philadelphia. Bei einem Kongress ehemaliger US-Soldaten erkrankten 180 Veteranen, 29 starben. Der größte Ausbruch einer Legionellen-Epidemie in Deutschland ereignete sich Anfang 2010 in Ulm. Es gab fünf Tote und 59 Schwerkranke. Verursacher war eine Kühlanlage auf dem Dach des Telekom-Gebäudes in der Nähe des Hauptbahnhofs. Sie befand sich noch im Probebetrieb, als sich eine bakterienverseuchte Dampfwolke über der Stadt ausbreitete und Passanten infizierte.

Längst nicht jeder Kontakt mit Legionellen ist gefährlich. Man kann legionellenverseuchtes Wasser literweise trinken und nichts passiert. Nur das Einatmen bakterienhaltigen Wasserdampfes ist riskant, weil die Aerosole in die Lungen eindringen. Gerade ältere Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind gefährdet. Deshalb das Duschverbot.

Johannes Schultze-Fabricius ist ein freundlicher Rentner, seit seiner Kindheit hat er Probleme mit den Bronchien, erzählt er. "Ich werde ständig gefragt, ob ich noch dusche. Dann erzähle ich eben meine Badeversion", sagt er und lacht. "Sie sehen: Ich ignoriere das Legionellenproblem nicht, aber ich bagatellisiere es." Die Geranien auf seinem Balkon im 6. Stock des Donaucenters leuchten, die Aussicht auf Donau und Ulmer Münster ist herrlich. Nein, er fühlt sich trotz Duschverbots pudelwohl in diesem Haus, in dem er seit 1975 lebt. "Und ich zahle nach wie vor die volle Miete. Ich bin ein geduldiger Mensch."

Freilich müsse man das Problem angehen, findet Schultze-Fabricius. Die Ursache für die Legionellen liege in den ungenutzten Wohnungen. Alle Wohneinheiten gehören privaten Eigentümern. In manchen wohnen sie selbst, andere sind vermietet, einige stehen leer. Weil die Eigentümer die Miete nicht nötig haben oder keine Mieter finden? Er zuckt mit den Schultern, die Kommunikation im Hochhaus sei nicht ausgeprägt. Was er weiß, ist, dass sich die Legionellen in den Rohren leerstehender Wohnungen vermehren. "Der Hausmeister müsste die Schlüssel kriegen und die Leitungen regelmäßig durchspülen."

Ohnehin glaubt er, dass das Neu-Ulmer Problem nicht einzigartig ist. "Es gibt viele Donaucenter." Nur, dass die Legionellen andernorts eben noch nicht entdeckt wurden. "Es weiß ja auch keiner, wie lange das Problem bei uns schon existierte." Sicherlich seit Jahren. "Krank geworden ist keiner."

Gibt es einen sensibleren Bereich als eine Kinderarztpraxis? Wohl kaum. Doch Dr. Thomas Kohn, der im 1. Stock praktiziert, beschreibt die Situation als "verantwortungsvoll entspannt". Er habe so viele Patienten wie vor Bekanntwerden des Legionellenproblems. Nur zwei Eltern hätten ihn seit November darauf angesprochen. "Wir haben Filter eingebaut, wir haben hier keine Duschen - es kann nichts passieren." Auch das Gesundheitsamt nehme regelmäßig Wasserproben - die Ergebnisse seien stets negativ.

Klingeln. Die Wohnungstür im 17. Stock geht auf. "Verschwinden Sie. Der Mist, den die Presse schreibt, geht auf keine Kuhhaut", schimpft der ältere Mann. Und knallt die Tür zu. Ähnlich sieht das Natalie Schubert. Sie sagt es nur freundlicher. Schubert nutzt im 9. Stock und 11. Stock zwei Eigentumswohnungen - eine zum Wohnen, eine als Büro. Die erhöhte Legionellenkonzentration sei nur in den obersten Stockwerken gemessen worden. "Bei uns hier unten war gar nichts, das ist alles gar nicht so schlimm." Ihre Lebensqualität sieht sie auch kaum beeinträchtigt. Selbst wenn wieder einmal, wie am vergangenen Wochenende, 72 Stunden totales Waschverbot herrscht, weil die Leitungen mit einer Chemikalie durchspült werden. "Man darf da nicht so kleinlich sein." Besitzt sie wenigstens einen Spezialduschkopf? "Wir trinken kein Wasser aus dem Hahn, das ist alles."

Nicht alle Bewohner halten den Ball so flach. Friedrich Mayer-Reiter, Mieter und ehemaliger Rechtsanwalt, hat Strafanzeige gegen die Eigentümergemeinschaft und die Hausverwaltung gestellt. Sein Vorwurf: versuchte fahrlässige Körperverletzung und Verstöße gegen die Trinkwasserverordnung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Im 15. Stock öffnet Martha Höflinger die Tür. Sie ist 93 und wohnt seit 38 Jahren hier, "dem Himmel ganz nahe". Legionellen? Sie lacht und schiebt ihren Rollator ins Wohnzimmer. "Mir gehts gut, nur das Laufen ist schlecht." Nein, sie halte sich nicht an das Duschverbot, sie habe schon ganz andere Sachen überlebt. Ein Enkel hat ihr einen bakterienabweisenden Duschfilter eingebaut, den der Apotheker unten im Haus verkauft. Er habe das wohl zur eigenen Beruhigung getan, glaubt die alte Dame. "Ich habe keine Angst. Gott behüte sie."

Regelmäßige Untersuchungen sind vorgeschrieben