Interview Landtagspräsidentin Aras: „Unsere Werte mit aller Kraft verteidigen“

Stuttgart / Von Antje Berg und Roland Muschel 21.01.2017

Zum Interviewtermin bringt Muhterem Aras, weil wir sie danach gefragt haben, Fotos aus ihrer Kindheit mit. „Schauen Sie sich das an“, sagt die baden-württembergische Landtagspräsidentin lachend, heute selbst Mutter von zwei Kindern,  „wie anders wir damals ausgesehen haben, ganz anders als die Menschen hier in Deutschland.“ Umso mehr Respekt habe sie im Nachhinein, wie gut sie und ihre Familie in den 70er Jahren aufgenommen worden seien. Unser Gespräch beginnt mit einer Reise in die Vergangenheit.

Frau Aras, Sie sind 1978 als zwölfjähriges Gastarbeiterkind ohne Deutschkenntnisse nach Filderstadt gekommen, die Mutter ­Analphabetin, der Vater Bauer. Wie war das damals für Ihre Eltern und für Sie?

Muhterem Aras: Es war hart, aber auch eine große Chance. Meine Mutter hatte damals meinen Vater gedrängt, die Türkei zu verlassen. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, wir waren gut situierte, angesehene Bauern, sondern weil sie der kurdisch-patriarchalischen Familienstruktur entkommen wollte. Mein Vater ist dann erst allein nach Deutschland gegangen und hat meine Mutter und uns fünf Geschwister ein Jahr später nachgeholt.

Sie sind auf diese Weise in eine völlig fremde Welt gekommen.

Ja, das Faszinierendste für uns Geschwister war, als Neuankömmlinge in Filderstadt vom Garten aus zu beobachten, dass hier Frauen am Steuer eines Autos saßen. Das hatten wir vorher noch nie gesehen.

Konnten Sie als Kind den Aufbruch Ihrer ­Eltern verstehen?

Meine Eltern haben uns gesagt, dass dieses Land uns mehr Perspektiven bietet als unsere Heimat, dass uns alle Möglichkeiten offenstehen, wenn wir uns anstrengen. Es hieß: Lernen, lernen, lernen – obwohl wir nicht einmal einen Schreibtisch hatten. Meine Mutter hat ­ihrem Vater nie verziehen, dass sie Analphabetin ist. Viele Gastarbeiter sind damals nach Deutschland gekommen, um Geld für eine Immobilie in der Türkei zu verdienen. Meine Eltern aber haben ­alles in unsere Bildung gesteckt. Dafür und für ihre Weltoffenheit bin ich ihnen noch heute unendlich dankbar.

Wie sind Sie in Deutschland aufgenommen worden?

Ich wurde in die 5. Klasse einer Hauptschule eingeschult und erinnere mich noch gut, wie man mich in der ersten Mathestunde neben die blondgelockte Annette setzte. Wir sollten eine Aufgabe bearbeiten, was mir auch gelang. Als die Lehrerin fragte, wer die Lösung an die Tafel schreiben wollte, nahm Annette meine Hand und streckte sie hoch. Also stand ich plötzlich vorne an der Tafel. Das war mein Schulstart in Deutschland, und diese Geschichte zeigt, wie gut wir aufgenommen wurden. Allerdings haben  meine Eltern das auch zugelassen.

Was meinen Sie damit?

Wir durften bei unseren deutschen Freunden auch mal Mittagessen, gemeinsam mit ihnen fernsehen, dort übernachten. Wir waren eng mit einer deutschen Bauernfamilie befreundet, und sie hat uns Kinder immer wieder zu  ihren Sonntagsausflügen mitgenommen. So bin ich das erste Mal mit meiner Freundin Christel in die Stuttgarter Staatsgalerie gekommen, habe das erste Mal im Wienerwald Schnitzel gegessen. Andere türkische Familien sagten damals: Wie könnt ihr eure Tochter bei Deutschen übernachten lassen?  Sie haben nicht verstanden, dass beide Seiten davon profitieren, wenn man ohne Vorurteile aufeinander zugeht. Zur Wahrheit gehört aber auch: Mein Weg und der meiner Geschwister von der Hauptschule bis an die Universität war steiniger, als wir es je gedacht hätten.

Was sagen Sie Menschen mit türkischen Wurzeln, die heute noch Probleme damit ­haben, ihre Töchter am Schwimmunterricht teilnehmen zu lassen?

Dass sie nicht erwarten dürfen, Offenheit und Freundschaft zu erfahren, wenn sie diese selbst nicht bereit sind zu geben. Auch allen Flüchtlingen sage ich das. Eine bessere Perspektive gibt es nur durch Bildung, und dazu gehört der Sport- und Schwimmunterricht, das Schullandheim und der Aufklärungsunterricht.  Wir sollten hier keine falsch verstandene Toleranz üben, indem wir Ausnahmen von der Schulpflicht mit der Religionsfreiheit begründen.

Ihr Lebensweg hat Sie dahin geführt, dass Sie die erste Frau, die erste Muslima und ­die erste Grüne an der Spitze des baden-württembergischen  Landtags sind. Welches­ Novum ist Ihnen am wichtigsten?

Ganz klar: die erste Frau. Es war an der Zeit, dass eine Frau dieses hohe Staats­amt innehat, es ist ja nicht so, dass es vor  mir keine kompetenten Frauen gegeben hätte. Aber das männerdominierte Parlament war noch nicht so weit. Frau mit Migrationshintergrund – das ist natürlich auch ein Signal an alle Migranten: Es lohnt sich, sich zu integrieren, zu ­engagieren und Verantwortung zu übernehmen.

Aus Sicht der AfD ist die Religion das wichtigste Merkmal Ihrer Präsidentschaft. Die Abgeordnete Baum sah Ihre Wahl als „ein ganz klares Zeichen, dass die Islamisierung  Deutschlands in vollem Gang ist“.

Ich empfehle, einen Blick ins Grundgesetz zu werfen. Dort ist nachzulesen, dass Staatsämter allen Deutschen offenstehen. Von Religionszugehörigkeiten ist da nicht die Rede.

Welche Rolle spielt Religion für Sie persönlich?

Keine entscheidende. Ich bin nicht-praktizierende Alevitin,  habe aber großen Respekt vor allen Menschen, denen Religion wichtig ist und die sie ausüben, ohne sich über andere Religionen zu erheben. In mancher Moschee wird auch heute noch der Islam als alleingültige Religion dargestellt, dort wird gegen unsere Gesellschaft gearbeitet, was auf Spaltung abzielt. Das dürfen wir nicht zulassen, sondern wir müssen davor warnen.

Sie sagen das auch mit Blick auf die Flüchtlinge, die in unser Land kommen?

Ja, auch sie müssen unsere Werte nicht nur anerkennen, sondern verinnerlichen. Deshalb ist es mir so wichtig, dass der Ausbau des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen, in deutscher Sprache und von hier ausgebildeten Islamwissenschaftlern schnell voranschreitet. Wir müssen uns beeilen,  wenn wir eine Entwicklung verhindern wollen, die sich gegen unsere freie Gesellschaft wendet.

Sie starten in der nächsten Woche Ihre ­Diskussions- und Gesprächsreihe „Wert­sachen“. Was sind die Werte, die unsere ­Gesellschaft zusammenhalten?

Es sind die Werte unserer Verfassung, die sicher eine der besten Verfassungen der Welt ist: Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Pluralität. All das hat unsere Gesellschaft stark gemacht, und das müssen wir wieder in den Mittelpunkt rücken. Wir leben in einer streitbaren Demokratie – und darauf sollten wir stolz sein. Besonders wichtig ist mir auch der gegenseitige Respekt. Ich will in den Vordergrund rücken, dass an diesen unseren Werten nicht zu rütteln ist. Wir müssen sie mit aller Kraft verteidigen.

Wen wollen Sie erreichen: Diejenigen, die sich ohnehin engagieren, oder auch jene, ­ die sich von der Politik abwenden oder Protest wählen?

Möglichst alle Gesellschaftsschichten. Wir haben sehr viele Anmeldungen von Schulklassen, aber ich wünsche mir auch, die Menschen wieder in die Mitte zu holen, die angesichts von Globalisierung und Internationalisierung verunsichert sind und sich den Rechtspopulisten zuwenden. Wir können es uns nicht leisten, 15 Prozent der Wähler an die AfD abzugeben, sie abzuschreiben und als rechtsradikal abzustempeln.

Sie wollen das Gespräch mit ihnen suchen?

Ja. Jeder, dem der Zusammenhalt unserer Gesellschaft wichtig ist, muss ein Interesse an dieser Auseinandersetzung haben. Alles andere wäre fahrlässig. Wichtig ist aber auch, zu sehen: 85 Prozent ­aller Baden-Württemberger stehen für eine pluralistische, offene Gesellschaft. Deshalb dürfen wir auch unser Handeln nicht davon abhängig machen, was Rechtspopulisten fordern. Die etablierten Parteien sollten den Bürgern vielmehr zeigen, dass sie das Heft des Handelns in der Hand halten und nicht jede Gelegenheit nutzen, um sich parteipolitisch zu profilieren.

Im Landtag selbst hat die AfD die Debattenkultur mit Zwischenrufen wie „Volksverräter“ verändert. Wie sehen Sie dabei Ihre Rolle als Präsidentin?

Jede und jeder Abgeordnete muss sich im Klaren darüber sein, dass es eine Auszeichnung ist, das Volk vertreten zu dürfen. Mein Interesse als Landtagspräsidentin ist, dass wir einen respektvollen und fairen Umgang miteinander pflegen, damit wir von den Bürgern auch als Vorbild  gesehen werden. Ich kann nur appellieren, dass alle Parteien diese Verantwortung wahrnehmen. Alle Ausdrucksweisen in Anlehnung an die Nazi-Zeit haben in einem Parlament absolut keinen Platz, ebensowenig wie Rassismus oder Antisemitismus – das werde ich immer wieder deutlich machen.

Blicken wir zuletzt zurück in Ihre alte Heimat. Wie bewerten Sie die Entwicklung in der Türkei?

Keine Frage, das Land ist auf dem Weg in die Diktatur. Ich reise seit zwei Jahren wegen der politischen Entwicklung nicht mehr in die Türkei, was mir sehr wehtut, weil ich dort Verwandte und viele Freunde habe. Überhaupt kein Verständnis habe ich für Menschen mit türkischen Wurzeln, die in Deutschland leben, von der Offenheit dieser Gesellschaft profitieren und gleichzeitig Anhänger von Herrn Erdogan sind. Allerdings sollte uns auch zu denken geben, dass sich viele von ihnen hierzulande immer noch als Menschen zweiter Klasse fühlen. Auf Bundes- und EU-Ebene würde ich mir eine klarere Haltung und mehr Druck wünschen: Erdogan ist mit seiner Türkei von uns mindestens so abhängig wie wir von ihm.

Seit 24 Jahren aktiv bei den Grünen

Als Tochter alevitischer Kurden wurde Muhterem Aras (51)  in einem kleinen Dorf in Anatolien geboren. In Deutschland besuchte sie zunächst die Hauptschule und machte später Abitur an einem Stuttgarter Wirtschaftsgymnasium. 1986 heiratete sie Sami Aras, mit dem sie einen 15-jährigen Sohn und eine 19-jährige Tochter hat. An der Universität Hohenheim studierte sie Wirtschaftswissenschaften. Den Grünen trat sie 1993 bei, 1999 wurde sie das erste Mal in den Stuttgarter Gemeinderat gewählt, ein Jahr später eröffnete sie ihr Steuerberaterbüro. Von 2007 an führte sie die Grünen-Fraktion gemeinsam mit Werner Wölfle. Bei der Landtagswahl 2011 gewann Muhterem Aras mit 42,5 Prozent das ­Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I.  Bei der Wiederwahl 2016 wurde sie mit 42,4 Prozent Stimmenkönigin ­
in Baden-Württemberg.

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