Warschau/Zakliczyn Land der Niemandskinder

Für die Kinder kaum zu ertragen: Eine polnische Mutter, die im Westen arbeitet, verabschiedet sich nach dem Heimaturlaub von ihrem Sohn.
Für die Kinder kaum zu ertragen: Eine polnische Mutter, die im Westen arbeitet, verabschiedet sich nach dem Heimaturlaub von ihrem Sohn. © Foto: sant & usant
Warschau/Zakliczyn / JOANNA STOLAREK 11.01.2016
Hunderttausende Polen arbeiten in anderen Staaten der EU. Sie lassen ihre Kinder in Polen zurück, die dort ohne Eltern aufwachsen. Mittlerweile gibt es 100.000 dieser sogenannten Euro-Waisen im Land.

"Bitte, iss was", fleht Kuba seinen Bruder an und lehnt resigniert am Tisch, als er die patzige Antwort bekommt: "Will ich nicht. Und überhaupt - hör auf zu bestimmen." Mehr zu sich selbst als zu Mikolaj, genannt Miki, sagt er dann: "Ich muss es aber, wenn die Mama nicht da ist." Kuba ist zwölf. Ein sorgloser Jugendlicher ist er schon länger nicht mehr. Er ist Vater und Mutter zugleich, für sich und seinen kleinen Bruder. Die Eltern sind weg, die Mutter putzt in Österreich, der Vater arbeitet in Schottland.

Als der Familienbetrieb bankrott war und auch die Scheidung kam, gingen beide ins Ausland. Getrennt. Weil sie sich nicht anders zu helfen wussten und sie keine Arbeit im Land fanden. Ihre Söhne ließen sie in Polen, im kleinen Ort Zakliczyn, im Südosten. Es war leichter, ohne sie zu gehen und es sollte nur ein Übergang sein. Der Übergang zu einem besseren Leben.

Kuba muss also Verantwortung für sich und den achtjährigen Bruder übernehmen, ihn ermahnen und zugleich bei Laune halten, damit die Lehrer in der Schule keinen Verdacht schöpfen, dass die Kinder alleine sind. Schnell kommt er trotz der Hilfe einer Verwandten im Haushalt an seine Grenzen. "Ich kann nicht mehr", weint Kuba ins Telefon. Die Mutter, Danuta Pyrek, versucht, zu beschwichtigen: "Halte durch, bitte. Bis zu den Ferien. Ich bin so stolz auf dich, wie du klarkommst. Bald sind wir zusammen."

Kuba streicht die Tage im Kalender durch, wie im Gefängnis. Alle paar Wochen kommt die Mutter nach Hause, den Vater haben sie seit fast einem Jahr nicht gesehen. In den Besuchstagen versuchen alle, ihr Familienleben nachzuholen. Machbar ist es nicht. Jeder Abschied zerreißt Kuba. Er glaubt immer weniger an die Versprechungen der Mutter, dass die Situation, die nun schon zwei Jahre dauert, nur vorübergehend sei. Der sensible Junge vernachlässigt die Schule, flieht zu Freunden, muss schließlich wegen einer Sachbeschädigung vor Gericht, der Familienpfleger schaltet sich ein. Die Eltern reisen an, Sie wissen, sie und ihre Kinder können nicht mehr weiter so leben. Die Jungs kommen diesmal mit der Mutter nach Wien.

"Mama arbeitet im Westen - Eine Kindheit in Polen" (Im Original: "I am Kuba"), heißt der preisgekrönte Dokumentarfilm von Ase Svenheim Drivenes über Kuba und seinen Bruder. Er zeigt das weitgehend unbekannte oder - besser gesagt - verdrängte Problem der sogenannten Euro-Waisen (polnisch: Eurosieroty), Kinder, deren Eltern im Ausland arbeiten und die der Verwandtschaft oder sich selbst überlassen werden. Ihre Zahl bleibt im Ungefähren. Die Stiftung "Niemandskinder" geht von etwa 100.000 Kinder alleine in Polen aus. "Es können aber noch mehr sein", heißt es. Als Polen 2004 der EU beitrat, begann dort die größte Ausreisewelle seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Aber nicht nur dort. In ganz Osteuropa war es der Fall. Was bleibt, sind Millionen Euro-Waisen in Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder Moldawien.

Die Familiengeschichten ähneln einander: Meist spielen sie sich in ländlichen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit ab. Das Geld, das die Eltern dort verdienen, reicht nicht, um der Familie das Nötigste zu bieten, von einer gesicherten Zukunft ganz zu schweigen. Oder es gibt gar keine Arbeit. Sie folgen dem Weg, den so viele Landsleute vor ihnen gegangen sind: Sie wandern aus, arbeiten als im Westen willkommene Pflegerinnen, im Haushalt, als Kindermädchen, Putzhilfen oder auf dem Bauernhof. In vielen deutschen Haushalten versorgt eine Polin den Opa, während zu Hause ihre Kinder meist sich selbst überlassen sind. Im besten Fall springt die Verwandtschaft ein. Die Kinder wachsen aber elternlos auf. Die Folgen sind schwer abzuschätzen. Experten sprechen mittlerweile von der "Generation Trauma".

"Es ist das Trauma eines Kindes, das seine Eltern verloren hat, während sie noch am Leben sind", sagt der Psychologe Ian Feldmann. Er hat an einer Erhebung über die Folgen der Massenauswanderung aus Moldawien mitgewirkt, diese sei aber auf andere osteuropäische Länder übertragbar. Euro-Waisen lernen, dass elterliche Liebe auf ein Konto überwiesen oder mit der Post verschickt wird: in Paketen voller Markenkleidung und Spielzeug. Was ihnen fehlt, ist die Nähe ihrer Eltern. Die Stimme am Telefon oder das Skype-Bild sind ein schwacher Ersatz für Umarmungen. "Den Kindern fehlt Zuneigung", sagte Feldman in einem Fernsehbeitrag der Deutschen Welle. "Sie suchen sie bei anderen Erwachsenen, die das oft ausnutzen." Einen Ratschlag, wo die Grenzen körperlicher Nähe liegen, haben viele dieser Kinder und Jugendlichen nie erfahren. Etwa zehn Prozent, so Schätzungen, werden sexuell missbraucht. Es fehlt an medizinischer Versorgung, sie ernähren sich schlecht, leiden an Depressionen, Verlustängsten und haben Probleme in der Schule. Bis heute kann Kuba mit Stress nicht gut umgehen, es fällt ihm schwer, anderen zu vertrauen.

Kuba hatte Glück. Die Mutter holt ihn und den Bruder doch zu sich nach Wien. Bei anderen Kindern wird aus den guten Vorsätzen der Eltern, sie irgendwann zu sich zu nehmen, nichts. Auch die Anrufe werden immer seltener. Schließlich bleiben sie aus. Aus Scham? Sylwia Urbanska erlebte selbst, was es bedeutet Familienleben auf Entfernung zu haben. Ihre Mutter arbeitete im Ausland, sie wuchs im Nordosten Polens bei ihren Großeltern auf. In ihrer Forschung schaute sich die Soziologin solche Mütter genauer an. Das Ergebnis ist das Buch "Mutter Polin aus der Ferne. Erfahrungen der Arbeitsmigrantinnen 1989-2010."

Der Mythos der katholisch geprägten, aufopferungsvollen Mutterschaft setze sich fort in der Emigration, in dem Verzicht auf den Alltag mit den eigenen Kindern, um ihnen eine bessere Zukunft zu bieten. Die Frauen lebten beengt und spartanisch, arbeiteten zwölf Stunden täglich in mehreren Jobs gleichzeitig, sparten und zählten die Tage bis zum Wiedersehen mit ihren Familien. Trotzdem seien sie geplagt von schlechtem Gewissen, der soziale Druck sei immens, sie würden gesellschaftlich geächtet. Anders als die Väter, die keine gesellschaftlichen Nachteile fürchten müssen, obwohl sie oft die Familie aufgegeben haben und alkoholkrank sind. "Diese Ungerechtigkeit belastet die Frauen zusätzlich", sagt Urbanska. Manche würden sich dem Druck entziehen, indem sie den Kontakt seltener werden lassen.

"Alle sagen, ich soll an meine Kinder denken. Das mache ich doch. Wenn ich nicht arbeite, können wir nicht leben. Ich wähle zwischen Pest und Cholera", sagt Kubas Mutter weinend im Film. Der zwölfjährige Sohn tröstet sie: "Irgendwann wird es uns gut gehen." Man spürt, wie die Last auf seinen Schultern immer schwerer wird. Wie bei den anderen Euro-Waisen auch. Er hat es geschafft. Die anderen finden unter dem Weihnachtsbaum die tollsten Geschenke, bei vielen bleiben die Eltern aber im Ausland.

Polen im Ausland

Zahlen Nach Angaben der polnischen Botschaft leben in Deutschland rund zwei Millionen Polen. Seit dem 1. Mai 2011 gilt für Polen die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit arbeiteten im September 2015 in Deutschland 324.726 Polen in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen - das entspricht 1,0 Prozent der Erwerbstätigen.

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