Amoklauf Kriminologin: Die Gewaltfantasien der Täter brodeln über Monate

ROLAND MÜLLER 25.07.2016
Amokläufer fallen vor ihren Taten fast nie als gewalttätig auf, sagt die Kriminologin Britta Bannenberg. Dennoch gebe es Alarmzeichen.

Frau Bannenberg, der Amokläufer von München war ein 18-jähriger Schüler, er soll psychische Probleme gehabt haben, fühlte sich offenbar gemobbt – vieles erinnert an  Tim K., den Täter von Winnenden.
BRITTA BANNENBERG: Das ist nicht nur eine Parallele zum Fall Winnenden, sondern zu so gut wie allen jungen Amoktätern. Die sind im Grunde sehr ähnlich: Es sind durchweg Einzelgänger, leicht kränkbar, sie fühlen sich von vielen schlecht behandelt und gedemütigt – und fangen dann an, sich im Stillen Gedanken zu machen, wie sie es allen heimzahlen können. Dann kommen sie auf das Thema Amoklauf, machen Pläne. Der Täter von München soll sich mit anderen Amoktaten intensiv beschäftigt haben. Das ist ganz typisch.

Warum ist da die Faszination so groß?
BANNENBERG: Es ist ja für  Jugendliche in dieser Lebensphase üblich, sich an Vorbildern aus den Medien zu orientieren, viele sind etwa Fans von Musikern und steigern sich in diese Identifikation hinein. Für bestimmte Jungen aber werden eben Amokläufer wie Anders Breivik oder Tim K. zu Idolen, denen sie nacheifern wollen. Sie schauen sich im Internet immer wieder Bilder und Videos der Taten an, lesen Tagebücher, Hassbotschaften und Rechtfertigungen, die die Täter hinterlassen haben. In diese Welt tauchen sie ein. Gleichzeitig ist es auch eine Art Anleitung, auf diese Art berühmt und unsterblich zu werden.

Der Täter von München wird aber als still, höflich und zurückhaltend beschrieben, er scheint zuvor nie gewalttätig geworden zu sein.
BANNENBERG: Auch das ist absolut typisch. Der Persönlichkeitstyp dieser Amokläufer ist eben nicht der eines Gewalttäters.  Sie sind vielmehr sehr zurückgezogen, scheu, keineswegs aggressiv, nicht impulsiv, nicht vorbestraft. Diese Jugendlichen fallen daher oft durch unsere Raster der Aufmerksamkeit. Im Geheimen sind sie aber voller Hass auf die Umwelt, ohne Empathie und brüten Gewaltfantasien aus. Im Kern liegt meist eine schwere Persönlichkeitsstörung vor.

Wie kann man diese Täter erkennen? Gibt es dennoch Signale?
BANNENBERG: Ja. Mitschüler und Gleichaltrige spüren oft durchaus, dass mit diesen  Jungen etwas nicht stimmt. Sie werden ohnehin als Sonderlinge wahrgenommen, die unzugänglich sind, keine Bindungen haben. Häufig fällt dem Umfeld zudem auf, dass diese Jugendlichen sich schon intensiv mit Amok-Taten beschäftigen, sie gutheißen, sich mit den Tätern identifizieren. Das können Bemerkungen sein, die einer mal fallenlässt und die Mitschülern Angst machen. Ich kann Eltern und Lehrer nur ermutigen, solche Signale ernst zu nehmen und weiterzugeben. Gerade jetzt – denn natürlich löst so eine Tat wie in München auch Nachahmungseffekte aus auf Leute, die mit dem Gedanken spielen, so etwas auch zu tun. Man kann ihnen helfen.

Auch terroristisch motivierte Attentäter radikalisieren sich oft unbemerkt im Internet. Sind die Tätertypen vergleichbar?
BANNENBERG: Normalerweise nicht. Terroristen oder solche, die es werden wollen, sind meist keine stillen Einzelgänger, sondern häufig schon vorher polizeibekannt geworden, etwa wegen Gewalttaten oder Drogenkriminalität. Häufig suchen sie auch Anschluss an eine Gruppe Gleichgesinnter.

Welche Rolle spielt Mobbing?
BANNENBERG: Es ist ein natürlicher Impuls, dass wir eine rationale Begründung oder ein Motiv für diese Taten suchen. Die gibt es so aber nicht. Die oft von Medien geführte Diskussion um Mobbing als Auslöser von Amoktaten ist deshalb nicht ungefährlich, weil sie auch als Rechtfertigung dienen kann. Wir haben bei unserer Forschung viele dieser Fälle genau untersucht, und unser Schluss ist: Die Täter werden meist nicht gemobbt – sie fühlen sich nur gemobbt. Das liegt aber an ihrer narzisstischen, leicht kränkbaren Persönlichkeitsstruktur.

Im Münchner Fall ist von einer depressiven Erkrankung die Rede.
BANNENBERG: Die Täter leiden an einer schweren Persönlichkeitsstörung, diese kann auch depressive Aspekte haben. Auch der Suizid wird bei den Taten einkalkuliert. Das erste Ziel des Attentäters ist es aber, andere Menschen zu töten, seine Antriebe  sind Hass und Rache. Das spricht klar gegen eine bloße Depression.

Amoklauf bedeutet im Wortsinn eigentlich spontaner Gewaltausbruch – doch die Tat war geplant.
BANNENBERG: „Amok“ hat sich im deutschen Sprachraum als Alltagsbegriff für diese Taten eingebürgert, auch die Polizei verwendet ihn. Die Taten, die gemeint sind, sind aber ausnahmslos alle geplant – sehr genau und oft über Monate im Voraus. Wo gehe ich hin, welche Waffe nehme ich, wie viel Munition? Das sind geradezu Inszenierungen – bei denen auch der Effekt in den Medien schon einkalkuliert wird.

Info Die Kriminologin Britta Bannenberg (52) gilt als wichtigste deutsche Amok-Forscherin. Die Professorin der Universität Gießen wirkte auch im „Expertenkreis Amok“ mit, der in Baden-Württemberg nach der Tat von Winnenden eingerichtet wurde.