Ankara Kriegsschauplatz Türkei

Menschen bringen sich in der südtürkischen Stadt Diyarbakir vor Tränengas in Sicherheit. Sie demonstrierten für mehr kurdische Autonomie.
Menschen bringen sich in der südtürkischen Stadt Diyarbakir vor Tränengas in Sicherheit. Sie demonstrierten für mehr kurdische Autonomie. © Foto: afp
GERD HÖHLER 16.01.2016
Die jüngsten Anschläge zeigen, wie sehr sich der IS in der Türkei eingenistet hat. Sie sind das Ergebnis einer Politik, die den Kurdenkonflikt angeheizt und die Türkei in den Syrienkrieg verwickelt hat.

Die Spirale der Gewalt in der Türkei dreht sich immer schneller. Erst das Selbstmordattentat eines mutmaßlichen IS-Terroristen am Bosporus, bei dem am Dienstag zehn deutsche Urlauber starben, dann der Anschlag auf eine Polizeistation im Südosten des Landes, bei dem sechs Menschen ums Leben kamen, verübt offenbar von Rebellen der kurdischen PKK. Zwischen beiden Terrorakten liegen 1500 Kilometer Entfernung. Aber sie haben miteinander zu tun. Gemeinsamer Nenner ist die Syrienpolitik der türkischen Regierung.

Schon früh nach Beginn der Revolte gegen das Regime in Damaskus legte sich der damalige Regierungschef Recep Tayyip Erdogan fest: Baschar al-Assad, den er kurz zuvor als "Freund" und "Bruder" bezeichnet hatte, muss weg. Der Alewit Assad passte nicht in Erdogans Pläne einer "sunnitischen Achse", die er im Nahen Osten unter Führung der Türkei schmieden wollte. Die Türkei unterstützte deshalb oppositionelle islamistische Gruppen in Syrien, darunter auch die IS-Terrormiliz. Den Dschihadisten stand die Grenze zur Türkei praktisch offen, sie konnten türkische Grenzprovinzen als Rückzugsraum nutzen, verwundete IS-Kämpfer wurden in türkischen Hospitälern kostenlos verarztet. Oppositionspolitiker in Ankara glauben sogar, Beweise für Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an die Dschihadisten in Syrien zu besitzen.

Mit seiner Syrienpolitik machte Erdogan die Türkei zur Kriegspartei und zum Kriegsschauplatz. Im Mai 2013 starben in der Grenzstadt Reyhanli 46 Menschen bei der Explosion zweier Autobomben. Die Attentäter sollen enge Kontakte zum syrischen Geheimdienst gehabt haben. Dass die türkische Regierung den IS lange verharmloste, hat auch mit der Kurdenfrage zu tun: In Ankara sah man die Dschihadisten als Bollwerk gegen Bestrebungen der syrischen Kurden, im Norden des Landes eine eigene Autonomiezone zu schaffen. Deshalb rührte Erdogan auch keinen Finger, als der IS über Wochen die syrische Kurdenstadt Kobane belagerte, einen Steinwurf von der türkischen Grenze entfernt.

Damit zog sich Erdogan den unversöhnlichen Hass vieler Kurden zu. Kobane markiert den Beginn der neuen Eskalation des Kurdenkoflikts, die zum Zusammenbruch des mühsam angebahnten Friedensprozesses und des 2013 vereinbarten Waffenstillstands führte.

Doch der IS zeigt nun auch den Türken sein wahres Gesicht. Die Selbstmordattentate mutmaßlicher IS-Terroristen auf kurdische Friedenskundgebungen in Suruc im Juli 2015, in Ankara drei Monate später und jetzt in Istanbul mit zusammen 150 Toten demonstrieren, wie tief sich die Terrormiliz im Nato-Land Türkei eingenistet hat.

Erdogan hat die Türkei so in den syrischen Bürgerkriegs verstrickt und den Kurdenkonflikt angefacht, der sich zu einer immer größeren Gefahr für die innere Stabilität der Türkei entwickelt. Er setzt auf eine militärische Lösung. Doch die vergangenen 40 Jahre zeigen, dass dieser Krieg für keine Seite zu gewinnen ist. Die jüngste Offensive der Armee wird der PKK tausende junge Kurden in die Arme treiben.

Die am Donnerstag gemeldeten massiven Angriffe der türkischen Armee auf IS-Stellungen scheinen wenigstens eine härtere Linie gegenüber den Dschihadisten zu signalisieren. Der Kurswechsel ist überfällig. Die Türkei muss den Schulterschluss mit Europa suchen. Daran haben auch die westlichen Partner Ankaras ein brennendes Interesse. Denn für die Sicherheitsarchitektur der EU und der Nato ist das Land gerade jetzt unverzichtbar.

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