Bei den Grünen breitet sich Unbehagen aus, führende Sozialdemokraten haben ausgeschlossen, Annegret Kramp­Karrenbauer zur Kanzlerin zu wählen, falls Angela Merkel vor 2021 zurücktreten sollte. „Das wird niemand in der SPD mitmachen“, sagte Johannes Kahrs, Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises, dem „Spiegel“. „Wenn Frau Merkel versuchen sollte, ihre Kanzlerschaft an Frau Kramp-Karrenbauer zu übergeben, gäbe es sofort Neuwahlen.“

Das ist in weiten Teilen der SPD offenbar Konsens. Auch Juso-Chef Kevin Kühnert schloss „eine solche Machtübernahme“ aus: „Würde Merkel abtreten, wäre das quasi die Aufkündigung der Geschäftsgrundlage dieser Regierung.“ NRW-Landeschef Sebastian Hartmann: „Wir haben einen Koalitionsvertrag mit Frau Merkel als Kanzlerin unterzeichnet.“ Und die Parteilinke Hilde Mattheis sagt: „Ich glaube, die Geschäftsgrundlage wäre ohne Frau Merkel eine völlig andere. Ich würde mich sehr schwer damit tun und Frau Kramp-Karrenbauer höchstwahrscheinlich nicht wählen.“

Dabei steht ein solcher Wechsel nicht unmittelbar bevor. Angela Merkel hat mehrfach gesagt, dass sie bis 2021 Kanzlerin bleiben will, auch wenn sie sich im Dezember vom Parteivorsitz zurückzog. Annegret Kramp-Karrenbauer hat allerdings die Zeit genutzt, sich und damit die CDU konservativer aufzustellen.

Schon vor der Wahl aufgefallen

Schon vor ihrer Wahl zur Parteichefin hatte sich Kramp-Karrenbauer gegen die Ehe-Öffnung ausgesprochen und vor „anderen Forderungen“ gewarnt: „etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen“. Dass sie damit gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit Inzest gleichsetzt, wollte sie nicht sehen. Eine Entschuldigung lehnte Kramp-Karrenbauer in der Folge mehrfach ab. Stattdessen sagte sie: „Es gibt gesellschaftspolitische Themen, bei denen ich konservativer bin.“

Das verschreckt auch die Grünen-Spitze. Die Parteivorsitzende Annalena Baerbock nannte es „irritierend, wie die Union Kurs und Sprache derzeit verschärft, sei es in Fragen der Ökologie, der Gesellschaftspolitik, oder sei es die Abkehr von einer proeuropäischen Flüchtlingspolitik“. Immer wieder ist über eine Zusammenarbeit zwischen den Grünen und der Union spekuliert worden. Annegret Kramp-Karrenbauers Versuche, bei den Konservativen zu punkten, machen diese Annäherung allerdings schwer. So schreibt Parteichef Robert Habeck in einem Blogpost zur CDU-Flüchtlingspolitik: „Das Signal, das unter Annegret Kramp-Karrenbauers Führung ausgesendet wurde, heißt: Nicht Frau Merkel, sondern Horst Seehofer hatte beim Streit der letzten Jahre Recht.“ Habecks Schlussfolgerung: „Angela Merkel fehlt schon jetzt.“