Bagdad Konflikt im Irak: Wer kämpft gegen wen?

Bagdad / MARTIN GEHLEN 18.06.2014
Schwarze Gotteskrieger auf der einen Seite, schiitische Milizen, Kurden und die irakische Armee auf der anderen. Es ist ein komplexes Geflecht an Gruppierungen, das den aktuellen Konflikt im Irak durchzieht.

Durch den Islamistensturm ist die ohnehin höchst fragile Lage im Irak innerhalb nur einer Woche dramatisch eskaliert. Doch der handstreichartige Erfolg der Kommandos vom "Islamischen Staat in Irak und Syrien" (Isis) wäre undenkbar, hätten die Angreifer nicht wichtige Verbündete. Es sind vor allem alte Getreue des 2006 hingerichteten Ex-Diktators Saddam Hussein, sunnitische Milizen und Stammesführer sowie Teile der Normalbevölkerung. Ihr Ziel: das Ende der schiitischen Machtdominanz und der Sturz von Premier Nuri al-Maliki.

Auf der Gegenseite hat die rasche Mobilisierung der schiitischen Milizen offengelegt, wie einsatzfähig diese inoffiziellen Verbände sind. Auch die Kurden haben mit den Peschmerga eine potente Streitmacht, der es bisher gelang, ein Übergreifen von Chaos und Blutvergießen auf den halbautonomen Nordirak zu verhindern. Inzwischen kämpfen Soldaten in großen Teilen des Landes gegen die Extremisten.

Wer sind die wichtigsten Gruppen in diesem erbitterten Machtkampf, der in einem Zerfall des Landes enden könnte?

Die sunnitische Koalition: Die 3000 bis 5000 Isis-Angreifer - mehrheitlich Iraker - sind die treibende Kraft des Geschehens. Die Terrorgruppe ist nach innen straff organisiert, ihre islamistische Scharia-Ideologie ist noch extremer als bei Al-Kaida. Die finanziellen Mittel stammen überwiegend von Reichen in Saudi-Arabien, Katar und Kuwait. Isis kontrolliert zudem Ölquellen im Osten Syriens. Im Irak werden die Gotteskrieger unterstützt von sunnitischen Stämmen und Guerillagruppen, die gegen die US-Besatzer gekämpft haben, angefangen von Al-Kaida über Jaysh al-Muhammad und Ansar al-Sunnah bis zur Naqshbandi-Armee, dem bewaffneten Arm der verbotenen Baath-Partei.

Kopf und wichtigster Stratege der ehemaligen Saddam-Gefolgsleute ist Izzet Ibrahim al-Duri, einer der wenigen aus der Führungscrew des Diktators, den die US-Besatzer nie fassen konnten. Duri war Saddam Husseins Vizepräsident und von Anfang an im Widerstand gegen die US-Armee aktiv. Der 71-Jährige ist bestens vernetzt mit den Scheichs mächtiger sunnitischer Clans, kennt zudem hunderte Ex-Offiziere, die den Extremisten nun mit militärischem Know-how helfen. Duri gilt als strenggläubiger Muslim, was ihn bei den Isis-Kämpfern als Partner gegen Premier Maliki akzeptabel macht.

Die schiitische Koalition: Die wichtigsten schiitischen Milizen sind die Kataibe-Brigade, die Assaub-Brigade, die Imam-al-Sadr-Brigade sowie die Mahdi-Armee, deren Kämpfer in der Regel im Iran in Ausbildungslagern der Revolutionären Garden trainiert wurden. Einzig die Mahdi-Armee wurde nach Ende des irakischen Bürgerkriegs offiziell aufgelöst. Die übrigen Verbände verfügen momentan jeweils über 2500 bis 3000 Mann, die ausgezeichnet bewaffnet sind. Tausende weiterer Kämpfer sind in Syrien an der Seite von Bashar al-Assad im Einsatz. Diese Milizen sichern zusammen mit der diskreditierten irakischen Polizei und Armee die Städte Samarra und Bagdad, sodass sich die militärische Lage vor den Toren der Hauptstadt etwas stabilisiert hat. Hinzu kommen zehntausende Freiwillige mit wenig Kampferfahrung.

Die Kurden: Die kurdischen Peschmerga haben die Grenzkontrollen zwischen dem halbautonomen Nordirak und dem übrigen irakischen Staatsgebiet erheblich verstärkt. Ihre Streitmacht umfasst mehr als 100.000 Mann. Teilverbände rückten unmittelbar nach Beginn der Isis-Offensive in die Stadt Kirkuk ein, wo die viertgrößten Ölfelder Iraks liegen und auf die die Kurden seit langem Anspruch erheben. Die Krise hat die Kurden quasi über Nacht zu den neuen Herren in Kirkuk gemacht, die irakische Armee ist abgezogen.

Die irakischen Streitkräfte: Die relativ modern ausgerüstete und jahrelang von US-Ausbildern trainierte Armee besteht aus 14 Divisionen mit 270.000 Mann unter Waffen, von denen vier Divisionen in den ersten Tagen der Offensive komplett zusammengebrochen sind. In diesen Einheiten dienten überproportional viele Sunniten und Kurden, die keinerlei Neigung hatten, ihr Leben für die verhasste Regierung von Nuri al-Maliki zu riskieren. Umgekehrt waren im Norden des Irak stationierte schiitische Soldaten wenig motiviert, für die Verteidigung überwiegend sunnitischer Städte wie Mossul oder Tikrit zu kämpfen. Der in das kurdische Erbil geflohene Gouverneur von Mossul, Athil al-Nujaifi, berichtete, noch am Vorabend des Angriffs hätten ihm Heeresführer versichert, die Armee habe alles im Griff und er solle sich keine Sorgen machen. Am nächsten Morgen waren sie spurlos verschwunden. Für die morsche Struktur und niedrige Moral der Truppe sind vor allem die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten verantwortlich, aber auch inkompetente Führungskräfte, Korruption und mangelnde Disziplin.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel