Berlin Kommentar: Reden wir endlich mehr über Altenpflege!

SWP-Kommentator Guido Bohsem: Pflege alter Menschen auch im Wahlkampf kaum Thema.
SWP-Kommentator Guido Bohsem: Pflege alter Menschen auch im Wahlkampf kaum Thema. © Foto: Volkmar Könnecke/swp
Guido Bohsem 12.09.2017
Die Pflege alter Menschen ist ein wichtiges Thema. Es kommt auch im Bundestagswahlkampf mal wieder viel zu kurz, meint SWP-Kommentator Guido Bohsem.

Da war er also: der Wahlkampfmoment der Pflege. Er war kurz und beeindruckend, wie auch in den Wahlkämpfen der vergangenen Jahre. Diesmal stellte in der ARD-Wahlkampfarena der junge Pfleger Alexander Jorde die entscheidenden Fragen an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ob sie wisse, dass die Würde alter Menschen jeden Tag verletzt werde? Ob Sie wisse, dass die Pflegekräfte nicht genug Zeit hätten, sich um die Leute zu kümmern? Weil es einfach zu wenig davon gebe?

Merkel geriet ins Schleudern, zählte die beschlossenen Gesetze auf, verwies auf die große Pflegereform der vergangenen Legislaturperiode, auf die Neuregelung der Pflegeausbildung. Schließlich räumte sie ein, dass es weiterhin viel zu wenig Menschen gibt, die sich professionell um alte, hilfsbedürftige Menschen kümmern werden. In zwei Jahren werde es besser. Hoffentlich. Applaus für Jorde, neues Thema.

Es war, wie es immer mit der Pflege ist: Kurz, ganz kurz kommt dieses Mega-Problem der deutschen Gesellschaft zur Sprache, bevor es wieder in den tiefen To-Do-Ordnern der Bundespolitik versinkt. Die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen und auch die Pfleger bleiben im Grunde mit ihren Sorgen allein. Es handelt sich um ein Akutthema, das heißt, es interessiert nur den, der gerade betroffen ist. Die Einführung der PKW-Maut hat mehr öffentliche Aufmerksamkeit erregt als die große Pflegereform der schwarz-roten Koalition.

Die moderne Gesellschaft meidet das Thema Pflege, wo es nur geht. Sie will von der eigenen Sterblichkeit nicht mehr viel wissen und erst recht nicht von dem oft leidvollen letzten Monaten des Lebens. Sie ignoriert und sie verdrängt. Ganz kalt und nüchtern muss man feststellen, dass die Betroffenheit und Empathie der großen Masse nicht ausgeprägt genug ist, um sich den Problemen und dem menschlichen Leid zuzuwenden. Ganz nüchtern betrachtet, kann man durchaus zu der Meinung kommen, dass sich über Massentierhaltung mehr Deutsche lauter empören als über den fortgesetzten Pflegenotstand.

Damit ist es gerade jetzt höchste Zeit, die mannigfachen Probleme anzugehen, sogar aus völlig egoistischen Gründen. Denn so langsam nähern sich die zahlreichen Baby-Boomer dem Rentenalter und noch einmal ein paar Jahre später auch dem Pflegealter. Zwar fühlen sich die meisten von ihnen noch so fit, dass die Möglichkeit einer Pflegebedürftigkeit nur gelegentlich und sehr vage am weiten Horizont auftaucht. Doch wird dieses Schicksal – so sagt es die Statistik – mindestens ein Drittel von ihnen ereilen.

Weil gleichzeitig die familiären Bindungen lockerer werden, müssen sich viele von ihnen darauf einstellen, die letzten Monate im Heim zu verbringen oder von einem mobilen Pflegedienst betreut zu werden. Dann ist es zu spät, für eine bessere Pflege zu kämpfen. Dann dürfen sie nur noch darauf hoffen, dass die künftige Gesellschaft mehr Empathie für ihre Alten entwickelt. Und diese Hoffnung ist vermutlich vergebens.

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