Es war alles andere als eine friedliche Nacht. In Lugansk und Donezk schlugen Raketen ein, im Frontbogen bei Debalzewo wurde aus allen Kalibern gefeuert. Gleichzeitig kämpften die Unterhändler in Minsk gegen die Argumente des Gegners und die eigene Müdigkeit. Herausgekommen ist ein Abkommen, das eigentlich schon einmal blutig gescheitert ist: Die meisten Punkte in "Minsk 2" standen schon in "Minsk 1", verabschiedet am 19. September, seitdem tausendmal gebrochen, zerschossen, verhöhnt. Kein Wunder, dass der russische Parlamentarier Wladimir Schirinowski schon wieder spottet, wenn die Waffenruhe am Samstag beginne, werde sie am Sonntag erneut gebrochen. Wenn die seit Wochen ineinander verbissenen Kriegsparteien überhaupt innehalten.

Kiewer und Moskauer Medien streiten wie nach einer Boxveranstaltung, welcher Staatschef, welche Verhandlungsdelegation in Minsk mehr Cleverness und Nervenstärke gezeigt habe. An der ukrainischen Front aber gilt Minsk 2015 schon seit Wochen als Synonym für München 1938, als die Westmächte die Tschechoslowakei feige an Hitler auslieferten. Ein ungerechter Vergleich, in München wurde über die Köpfe der Tschechen hinweg entschieden. Auch haben Merkel und Hollande dem Eroberer Putin und seiner Donbass-Streitmacht keinen Freifahrtschein nach Kiew ausgestellt. Doch selbst die Europäer scheinen dem Abkommen nicht zu trauen, Hollande erklärte schon gestern sein Überleben für eine Frage von Stunden.

Trotzdem bleibt Hoffnung. Wladimir Putin hat sich zumindest noch einmal in die Pflicht nehmen lassen. Der Kreml ist durchaus an einem Waffenstillstand im Donbass interessiert. Je mehr Ruhe auf dem ostukrainischen Schlachtfeld herrscht, umso lauter kann Moskau die Lockerung wenn nicht Beseitigung der westlichen Sanktionen fordern, an der Einheit der Europäer mit den USA und untereinander rütteln.

Zumindest ein paar Wochen halbwegs unblutiger Waffenruhe sind dafür Voraussetzung. Ein paar Wochen, ohne täglich Dutzende tote Soldaten und Zivilisten - für die Unglücksregionen Donezk und Lugansk bedeutet das schon sehr viel. Nur sollten wir uns darauf gefasst machen, dass danach die nächsten tödlichen Artillerieüberfälle auf Linienbusse und Marktplätze beginnen, die nächste Rebellenoffensive anrollt. Auch der Ruf nach Sanktionen wird dann wieder laut werden, die Debatte über amerikanische Waffenhilfe für die Ukraine ebenso. Die Ukraine-Krise ist noch lange nicht gelöst.