KOMMENTAR · SYRIEN: Ohne Antwort

MARTIN GEHLEN 29.08.2012

Klingt groß - der Titel: Der Tag danach. Sehr viel mehr jedoch scheint bei den sechs Geheimtreffen syrischer Oppositioneller in Berlin nicht herausgekommen zu sein. Das Positionspapier ist eine Sammlung von Polit-Formeln und hehren Vorsätzen. Von einem kompletten Neubeginn auf der Grundlage von Demokratie und allgemeinen Menschenrechten ist die Rede. Das kann vieles heißen.

Wer genau zusammensaß und mit welcher Autorität sprechen kann, bleibt ebenfalls im Dunkeln. Und gleich nach dem Ende von Baschar al-Assad kündigt der Text eine Verfassungsgebende Versammlung an. Tunesien und Libyen haben für diesen ersten Schritt in Richtung Demokratie immerhin neun Monate gebraucht. Auf die wichtigste Frage jedoch - zuletzt Anfang der Woche öffentlich gestellt von Frankreichs Präsident François Hollande - bleiben die Gegner Assads weiterhin jede Antwort schuldig. Wer ist das Gesicht und wer die Stimme der Opposition? Wer hat die Autorität, für alle zu sprechen? An welchen Syrer können sich die westlichen Staatschefs wenden, wenn sie ihren Kurs abstimmen wollen?

Anders als Libyen kann die syrische Opposition auch 18 Monate nach dem Beginn des Volksaufstands immer noch keine allseits respektierte Persönlichkeit an ihrer Spitze vorweisen, vergleichbar dem ersten libyschen Übergangspräsidenten Mustafa Abdul Jalil. In Libyen galt der Nationale Übergangsrat von Anfang an als die unbestrittene Vertretung der Aufständischen gegen Muammar Gaddafi und damit quasi als Exil-Regierung. In Syrien dagegen reden alle durcheinander und bringen bestenfalls Allgemeinplätze zu Papier.