KOMMENTAR · SYRIEN: Die Stunde der Wahrheit

MARTIN GEHLEN 30.01.2012

Alle Gelegenheiten für das Assad-Regime sind vorbei, durch Machtteilung einen friedlichen Ausweg aus der Krise zu finden; alle Versuche von außen sind gescheitert, das Morden zu stoppen. Die Rebellen stehen vor Damaskus. Auch wenn das Regime erneut schwor, alle Unruhestifter auszuradieren, es kann das Blatt nicht mehr wenden. Präsident Bashar al-Assad wird seine Macht verlieren. Die Frage ist nur, wie viele Menschen noch ihr Leben lassen müssen.

Im UN-Sicherheitsrat schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit. Morgen plädiert der Chef der Arabischen Liga in New York. Er will erreichen, dass der gemeinsame europäisch-arabische Resolutionsentwurf nicht erneut an Russland und China scheitert. Denn die Arabische Liga hat gute Argumente für ihren Stufenplan. Nicht Libyen und Luftangriffe sind dessen Vorbild für Syrien, sondern der Jemen mit seinem - wenn auch holprigen - Machtverzicht in Etappen. Libyens post-revolutionäre Bilanz jedenfalls bekommt zunehmend Kratzer, Rache und Folter grassieren. Im Jemen kam ohne Bombenangriffe von außen eine Regierung der Nationalen Einheit an die Macht, während sich Präsident Saleh in die USA absetzte.

Die Erfahrung beider Länder zeigt, dass es keinen goldenen Weg in eine post-autoritäre Zukunft gibt. Gestern Libyen, heute Jemen und morgen Syrien - die Rückkehr zu stabilen Verhältnissen wird für alle Völker lang und beschwerlich.