STEFAN SCHOLL  Uhr

Man sollte den Besuch von Horst Seehofer in Moskau einmal aus russischer Sicht betrachten. Die Russen, zumindest die, die dafür zuständig sind, haben durchaus zur Kenntnis genommen, dass die deutsche Seite verärgert ist. Zu laut, zu lügenhaft, zu unverschämt war die Propaganda der russischen Staatsmedien im Fall der vermeintlich vergewaltigten russlanddeutschen Lisa.

Just in diesem Moment rumpelt ein deutscher Politpromi in Moskau ein. Seehofer rangiert zwar nicht in der Champions League, aber er ist einer, der mehr Ambitionen in der Politik besitzt als alle russischen Gebietsgouverneure. Und Seehofer verkündet vorneweg gegenüber der Staatsagentur Tass, dem Terror und dem Flüchtlingsproblem sei nur mit Russland beizukommen.

Für die russische Öffentlichkeit ist das ein gefundenes Fressen. Ein deutscher Landesfürst sucht um eine Audienz bei Putin nach. Ein Quertreiber, der seit Wochen die Kanzlerin befehdet, die ob ihrer Haltung zur Ukraine in Russland zur Unperson Nummer eins geworden ist. Seehofers Vorsprechen bei Putin werten Moskaus TV-Kommentatoren als weiteres Zeichen für die Zwietracht innerhalb des "Regimes Merkel". Und sie können dem Publikum erklären, dass der Bayer einer jener Deutschen ist, die begriffen haben, dass Putins Polizeistaat der letzte Hort traditioneller abendländischer Werte ist.

Offenbar verstehen viele westliche Politiker nicht, dass gegenüber dem Macht- und Gewaltpolitiker Putin diplomatische Vielstimmigkeit fehl am Platz ist. Und dass jeder Parteipolitiker, der mit staatsmännischer Pose nach Moskau reist, als nützlicher Idiot des Kremls nach Hause fährt.