Osnabrück / TANJA WOLTER

Dass Wirtschaftsverbände gegen einen einheitlichen Mindestlohn zetern, muss niemanden wundern. Eingriffe in die unternehmerische Freiheit und Tarifautonomie - ob angebracht oder nicht - sind ihnen per se zuwider. Wenn aber eine kirchliche Organisation wie die Caritas in den Chor der Bedenkenträger einstimmt, lässt das aufhorchen. Ein Wohlfahrtsverband, der für Nächstenliebe und die Armen eintritt, als Gegner einer gesetzlichen Lohnuntergrenze?

Die Warnung des Caritas-Präsidenten Neher hat wohl zwei Seiten. Auch die im Wettbewerb stehenden kirchlichen "Sozialkonzerne" verfolgen natürlich das Interesse, als Arbeitgeber ihre Lohnkosten zu begrenzen. Zwar wurde der Caritas nie Dumping in einem Ausmaß wie bei der Diakonie vorgehalten. Aber einzelne Fälle, die nicht zum Selbstbild passen, gab und gibt es durchaus. Wettbewerb und Nächstenliebe ziehen sich nun mal nicht magisch an. Ein zu hoher Mindestlohn kann aber im Einzelfall auch ein Hindernis sein - für jene, die es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer haben. Dieser Hinweis Nehers ist kein Affront, sondern hat seine Berechtigung. Wohlgemerkt: im Einzelfall.

Doch haben Langzeitarbeitslose auch ohne den Mindestlohn nicht wesentlich vom Boom am Arbeitsmarkt profitiert, obwohl dieser teils auf mehr Niedriglohn-Jobs basiert. Ihre Chancenlosigkeit hat viele Gründe, die Kürzung staatlicher Förderung inklusive. Einzelne Vermittlungserfolge dürfen auch nicht vom Grundsatz ablenken, dass, wer arbeitet, von seinem Lohn leben können muss. Wenn nun ausgerechnet ein Wohlfahrtsverband mit konservativen Ökonomen an einem Strang zieht, hinterlässt das einen schalen Nachgeschmack.