Die Bundeskanzlerin und der Chef der EU-Kommission haben in Brüssel pragmatische Gemeinsamkeit demonstriert. Darf man daran glauben? Zum Teil - soweit man Romantik und Ideologie beiseite lässt. Statt von Romantik spricht die politische Zunft gemeinhin von "Chemie", die zwei Regierende verbinde oder trenne. Zur Naturwissenschaftlerin Merkel passt der Begriff besser als zum heimlichen Melancholiker Juncker. Doch beide sind stillschweigend übereingekommen, ihre Beziehung nicht auf dieser Ebene zu testen. Wie weit man ein Herz und eine Seele ist, darf getrost unbestimmt bleiben. Gemeinsame Aufgaben verbinden schließlich auch.

Von "Ideologie" ist heute ebenfalls kaum mehr die Rede. Das heißt jetzt "Kurs". Es steht außer Frage, dass Merkel und Juncker eine unterschiedliche politische Peilung haben. Ihm ist sozialer Ausgleich und Zusammenhalt wichtiger, ihr die Wettbewerbsfähigkeit. Die Akzente bei der Reparatur der Eurozone und der wirtschaftlichen Genesung der EU sitzen entsprechend anders. Im "Dreieck der Tugenden" geht es der Kanzlerin mehr um solide Haushalte und Strukturreformen, ihm um Wachstumsförderung.

Es spricht indes einiges dafür, dass sich entgegen mancher Unkenrufe die unterschiedlichen Prioritäten nicht zum offenen Streit auswachsen, sondern immer wieder in Kompromisse münden werden. Zum Beispiel Frankreich: Merkel weiß, dass sie mit einem knüppelharten Sparkurs den wichtigsten Partner verlieren würde. Juncker ist klar, dass er helfen muss, Paris unter Reformdruck zu halten. Merkel und Juncker sind nicht wie Romeo und Julia. Muss auch nicht sein. Becker und Stich reicht.