Kommentar · KLEINER WAFFENSCHEIN: Trügerische Sicherheit

CHRISTOPH FAISST 10.02.2016

Deutschland rüstet auf. Pfefferspray gehört in immer mehr Hand- und Hosentaschen zur Grundversorgung. Und das, obwohl Händler oft und aus gutem Grund vom Kauf abraten - was manche nicht hindert, jetzt die extragroße Sprühflasche, die man bis dato nur von harten Polizeieinsätzen à la française kannte, für knapp 70 Euro prominent ins Schaufenster zu stellen.

Jetzt steigt obendrein die Zahl derer, die einen kleinen Waffenschein beantragen, mit dem sie eine Gaspistole mit sich herumtragen dürfen. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Abseits des Leids der Opfer der Silvesterübergriffe ist das negative Sicherheitsgefühl die wohl fatalste Auswirkung dieser Nacht von Köln: Waren die vergangenen Jahre vom Wunsch geprägt, privaten Waffenbesitz zu beschränken, hat sich der Trend nun umgekehrt.

Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Und doch hören immer mehr auf sie. Sicherheitspolitiker, denen sie ein willkommener Treibsatz für Gesetzesverschärfungen ist, ebenso wie verstörte Bürger. Zum Leidwesen der Sicherheitsorgane. Zum einen, weil die Aufrüstung das tiefe Misstrauen zum Ausdruck bringt, das viele einem Staat entgegenbringen, von dem sie glauben, er könne sie nicht mehr schützen. Zum anderen, weil jede Waffe ein unnötiges Eskalationsrisiko mit sich bringt.

Der kleine Waffenschein legalisiert das Pistölchen der Besorgten. Doch Hand aufs Herz: Wer traut sich, untrainiert und obendrein im Stress, zu, einen oder mehrere Aggressoren entschlossen kampfunfähig zu machen - mit einem Gerät, das er zum ersten Mal bedient? Die Sicherheit, die es verspricht, ist trügerisch.