Er ist über 13 Meter hoch und 150 Millionen Jahre alt. Der Brachiosaurus brancai dominiert das Berliner Naturkundemuseum. Von ihm sind zwar nur noch Knochen ohne Haut übrig, aber die bilden  das weltweit größte ausgestellte Dinosaurierskelett.  Um das Urvieh wird seit mehr als 100 Jahren einiges Aufheben gemacht. Nun ist er auch noch in eine Auseinandersetzung über die europäische Kolonialzeit geraten. Der Generaldirektor des Naturkundemuseums, Johannes Vogel, hält es  für „richtig und wichtig“, dass sich Deutschland, so wie andere Länder Europas, mit kolonialer Vergangenheit auseinandersetzen. „Ich fände es nur falsch, wenn jetzt plötzlich ein wissenschaftliches Forschungsobjekt  wie unser Saurier als Feigenblatt für die Aufarbeitung herhalten soll.“

Großteil des afrikanischen Kulturerbes in Europa oder den USA

In der Diskussion spielt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von der TU Berlin eine wichtige Rolle. Die Französin hat  zusammen mit dem senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr einen fast 300 Seiten starken Bericht über die Restitution afrikanischen Kulturerbes verfasst. Auftraggeber: Der französische Präsident Emmanuel Macron. Der wiederum hatte schon im  November 2017 in Ouagadougou (Burkina Faso) erklärt, nicht länger akzeptieren zu können, „dass sich ein Großteil des Kulturerbes mehrerer afrikanischer Länder in Frankreich befindet“. Tatsächlich sind nach Savoys Schätzungen  95 Prozent des afrikanischen Kulturerbes nach Europa oder in die USA gebracht worden.

Geht es nach der Wissenschaftlerin, ist nun auch der Saurier im Naturkundemuseum mit anderen, postkolonialen Augen zu betrachten. Es wäre doch ein starkes Signal, wenn man Tansania die Rückgabe des Skelettes anbieten würde. In unmittelbarer Nähe des Fundortes sind bis zu 300.000 Menschen durch deutsche Schuld beim Maji-Maji-Aufstand ums Leben gekommen.

Sind also die Saurier-Reste aus den Jahren 1906 und 1907  so zu behandeln, wie zum Beispiel die berühmten Benin-Bronzen? Diese wurden 1897  von den Briten brutal geraubt und sind heute in Museen der westlichen Welt zu finden. „Natürlich sind die Skelettfunde in Tansania nicht ohne kolonialen Kontext denkbar“ sagt der Chef des Naturkundemuseums Vogel. „Aber im Unterschied  zu den Benin-Bronzen wurden die Knochen nicht im Zusammenhang mit einer Strafexpedition, bei  der Menschen umgebracht wurden, geraubt, sondern sie wurden von einem Bergbauunternehmen gesichert und nach Deutschland transportiert. Soweit wir wissen, wurden die damit beschäftigten Arbeiter für damalige Verhältnisse halbwegs ordnungsgemäß entlohnt.“

Für den Museumsdirektor ist aber ein anderes Argument noch entscheidender. „Es wurde kein Dinosaurier aus dem heutigen Tansania herausgeschafft, sondern einzelne Knochen. Knochenfragmente. Man entdeckt keine Saurier, man entdeckt Knochenreste!“ In Berlin wurde aus diesen Konchen das gemacht, was wir heute sehen: „Die  Rekonstruktion eines Saurierskelettes. Das ist eben der Unterschied zu Kunstgegenständen: Die Leistung, die die Einmaligkeit geschaffen hat, wurde in Berlin erbracht.“

Rückgabe nicht im Vordergrund

So richtig in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geriet das deutsche koloniale Erbe, als klar wurde, dass die Ethnologischen Museen von Berlin-Dahlem ins nachgebaute Schloss, mithin ins Humboldt Forum,  ziehen würden. Die Bundesregierung teilte auf eine Anfrage der linken Bundestagsfraktion mit: „Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, das Projekte der Provenienzforschung fördert.“ Es geht also um die „Erwerbsumstände“. Dass die Rückgabe im Vordergrund steht, kann man nicht behaupten. „Die unterschiedlichen historischen Gegebenheiten bedürfen einer Betrachtung im Einzelfall. Die Voraussetzungen für eine Rückgabe richten sich ferner nach dem entsprechenden Bundes-, Landes- und Organisationsrecht, insbesondere den Haushaltsordnungen.“ Die Museen selbst dürfen von sich aus gar nichts zurückgeben.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz untersteht  der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), wird von Bund und Ländern  finanziert und ist auch für das Humboldt Forum zuständig. Stiftungspräsident Hermann Parzinger bekennt sich zur Aufarbeitung, stemmt sich aber bei dem Für und Wider in Sachen Rückgabe gegen „Extrempositionen“. Er ist vielmehr für den „Austausch von Sichtweisen und Erfahrungen“.  Beim Humboldt-Forum  arbeite man zum Beispiel mit Kuratoren aus Tansania zusammen, „die ihren Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte zeigen werden“, so Parzinger.

Eine Frage, die immer wieder in der Debatte auftaucht:  Wollen die Herkunftsländer eigentlich die Objekte  zurück? Manche sehen schon in der Fragestellung postkoloniale Arroganz. Schließlich sei keineswegs klar, was in den Museen und den Archiven lagert. In Berlin sollen noch Kisten mit menschlichen Knochen lagern, die nie jemand geöffnet hat. Und die digitale Aufarbeitung der Bestandslisten steht erst am Anfang.

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Stuttgart

Das Humboldt Forum


Kosten: Das Humbold Forum im wiederaufgebauten Berliner Schloss wird insgesamt 600 Millionen Euro kosten. In dem Kultur- und Museumszentrum sollen vor allem die ethnologischen und asiatischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gezeigt werden.

Einweihung: Eröffnet wird das Forum im November. Allerdings soll es bereits im September zum 250. Geburtstag des Namensgebers und Forschers Alexander von Humboldt einen Festakt im Schloss geben.

Exponate: In der ersten Ausstellung wird die Geschichte des Ortes gezeigt. Sie beginnt mit dem Bau des Schlosses, geht über in den Abriss 1950 durch die SED-Führung sowie den Bau des Palasts der Republik und mündet im Humboldt Forum. dot