Finanzkrise Kollaps nur knapp vermieden

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Berlin / Dieter Keller 15.09.2018

Zwei Bilder der Finanzkrise haben sich besonders eingeprägt. Da sind die Mitarbeiter der US-­Invest­mentbank Lehman Brothers, die ihre Habseligkeiten in Pappkartons aus dem Bankgebäude tragen, weil sie durch die Insolvenz am 15. September 2008 über Nacht ihren Job verloren haben. Und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), die drei Wochen später im Kanzleramt den Bürgern vor laufenden Kameras versprechen, ihre Spareinlagen seien sicher. Die Krise hat viele Facetten – ein Überblick.

Die Ursachen Amerikaner leben am liebsten im Eigenheim, und die niedrigen Zinsen machten es möglich, diesen Traum zu erfüllen. US-Banken vergaben großzügig Kredite, ohne die Risiken zu prüfen, selbst wenn gar kein Eigenkapital vorhanden war. Denn die Immobilienpreise und damit der Wert der Häuser stiegen ständig. Bis etwa 2006 entstand eine große Immobilienblase. Zudem behielten die Banken die Kredite nicht selbst – sondern bündelten diese in komplizierten Konstrukten, die sie weltweit verkauften. Dabei hatten Investmentbankmanager angesichts hoher Provisionen keinerlei Skrupel. Später gaben selbst Vorstände großer Banken zu, sie hätten diese Produkte nicht verstanden.

Der große Knall Die ersten Probleme zeigten sich im Frühjahr 2007, weil immer mehr Hausbesitzer ihre Raten nicht mehr bezahlen konnten. Die Immobilienpreise sanken, die Banken hatten große Ausfälle. Als im September 2008 den größten US-Baufinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac die Pleite drohte, sprang die Regierung ein und verstaatlichte sie. Dagegen verweigerte sie der Investmentbank Lehman Brothers diese Hilfe. Sie musste am 15. September Insolvenz anmelden. Das erschütterte weltweit das Vertrauen in der Bankenbranche: Keiner vergab mehr Kredite, die Börsenkurse brachen ein. Das Finanzsystem stand kurz vor dem Kollaps.

Die Folgen für Deutschland Politik und Banken meinten zuerst, die Probleme in den USA berührten Deutschland kaum. Ihnen war nicht klar, wie eng die Vernetzung war. Doch nur drei Wochen nach der Lehman-Pleite sahen sich Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück zu einem mutigen Versprechen gezwungen: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind.“ Es hatte die erhoffte Wirkung: Es gab keinen Sturm auf die Banken, um massenhaft Geld abzuheben. Damit keines der großen Kreditinstitute Pleite ging, errichtete Deutschland einen staatlichen Rettungsschirm, unter den sich unter anderem die Commerzbank flüchtete. Der Immobi­lienfinanzierer Hypo Real Estate musste verstaatlicht werden. Auch Landesbanken brauchten viele Staats­-Milliarden, weil sie sich auf windige Geschäfte eingelassen hatten. Angesichts der Rezession startete Deutschland ein großes Konjunkturprogramm unter anderem mit der Abwrackprämie.

Die Kosten Was die Bankenrettung den Steuerzahler gekostet hat, lässt sich  schwer sagen. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) nannte gerade „bislang etwas mehr als 30 Milliarden Euro“ für den Bund und eine ähnliche Summe für die Bundesländer. Der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick hat mit Zahlen des Finanzministeriums 68 Milliarden Euro errechnet. Dazu kommen noch offene Risiken, Steuerausfälle in der Rezession, die Konjunkturprogramme und die Kosten der Euro-Rettung. Angesichts solcher Zahlen stieg der Verdruss bei vielen Bürgern, für die Bankenrettung sei das Geld dagewesen, aber nicht für höhere Renten. Das stärkte Kritiker links und rechts.

Die Konsequenzen Nie wieder sollte eine einzelne Bank „too big to fail“ sein, also zu groß, als dass sie Pleite gehen könnte, ohne das ganze Finanzsystem zu erschüttern. Der Staat sollte nicht mehr einspringen, waren sich die Politiker einig. Die Banken werden schärfer kontrolliert. Sie mussten mehr Eigenkapital bilden. Es gibt den europäischen Krisenfonds ESM. Privatleute müssen vor den Risiken von Kapitalanlagen gewarnt werden. Für ihre Anlagen gibt es Sicherungsfonds. Doch ob das alles bei einer großen Schieflage reicht, ist zweifelhaft.

Der nächste Crash Die nächste Krise kommt bestimmt. Nur weiß keiner wann, wo, wie heftig und durch was verursacht. Es gibt jede Menge Risiken. Banken sind immer noch zu groß. Der zunehmende Protektionismus durch US-Präsident Donald Trump gefährdet den Welthandel. Wichtige Schwellenländer stecken in Schwierigkeiten, etwa die Türkei und Brasilien. Auch in China gibt es Probleme. In Europa ist Italien schwer berechenbar. Die Minizinsen haben Staaten und Unternehmen verführt, mehr Schulden zu machen.

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