Köln Köln - und viele Fragen offen

Flüchtlinge aus Marokko und Ägypten sitzen vor dem Kölner Dom. Sie entschuldigen sich mit einem Plakat bei allen Frauen, die in der Silvesternacht sexistischen Übergriffen ausgesetzt waren und bestohlen wurden.
Flüchtlinge aus Marokko und Ägypten sitzen vor dem Kölner Dom. Sie entschuldigen sich mit einem Plakat bei allen Frauen, die in der Silvesternacht sexistischen Übergriffen ausgesetzt waren und bestohlen wurden. © Foto: dpa
DPA 13.01.2016
Zu den sexistischen Übergriffen auf Frauen und dem Einsatz der Polizei in der Silvesternacht in Köln sind inzwischen mehr Details bekannt. Doch noch immer sind viele Fragen nicht abschließend geklärt. Ein Überblick:

Strafanzeigen: Nach Angaben der Kölner Staatsanwaltschaft liegen mittlerweile 653 Strafanzeigen vor, die bei der Bundes- und Kölner Polizei eingegangen sind. In etwa 45 Prozent der Fälle werde wegen Sexualstraftaten ermittelt. In mehr als 100 Fällen sei zugleich ein Diebstahldelikt angezeigt worden. Bei den übrigen Anzeigen handele es sich um Eigentums- und Körperverletzungsdelikte.

Delikte: Aus den inzwischen veröffentlichen Listen der Polizei zu den Strafanzeigen geht hervor, dass die sexuellen Übergriffe in dem meisten Anzeigen mit dem Entwenden von Handys und Geldbeuteln einhergingen. Dabei gingen stets mehrere Täter - es gab auch Gruppen von 30 bis 50 Männern - auf die Opfer zu und belästigten sie in Intimbereichen. Den Frauen wurden Handtaschen weggerissen oder die Mobiltelefone gestohlen. Häufig stellten dies die Bedrängten erst fest, als die Gruppe von ihnen abließ.

Tatverdächtige: Die Bundespolizei, die für das Bahnhofsgelände zuständig ist, hat nach eigenen Angaben 32 Tatverdächtige identifiziert. Darunter sind neun algerische, acht marokkanische, fünf iranische, vier syrische, ein irakischer, ein serbischer, ein US-amerikanischer sowie drei deutsche Staatsangehörige. 22 seien Asylbewerber.

Die Kölner Polizei hat Hinweise auf 23 namentlich bekannte Personen, die für Straftaten in der Silvesternacht am und im Hauptbahnhof verantwortlich sein könnten. Keiner der Tatverdächtigen hat nach Polizeiangaben die deutsche Staatsbürgerschaft. Unter den Verdächtigen seien sieben marokkanische, ein tunesischer, ein syrischer, ein libyscher, ein somalischer, ein iranischer, ein türkischer, ein albanischer und drei algerische Staatsangehörige. Von den übrigen Beschuldigten ist die Staatsangehörigkeit noch nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwölf Beschuldigte. Sie wirft den Männern aus Nordafrikas Eigentumsdelikte vor.

Haft: Fünf der Tatverdächtigen sind der Staatsanwaltschaft zufolge bereits in Untersuchungshaft, ihnen wird Diebstahl und Raub in unmittelbaren Zusammenhang mit den Ereignissen in der Silvesternacht vorgeworfen.

Tathergang: Nach Polizeiangaben sollen sich in der Silvesternacht kleinere Gruppen aus einer Menge von 1000 Männern gelöst und die Übergriffe auf Frauen begangen haben. Die im Fokus der kriminalpolizeilichen Ermittlungen stehenden Menschen stammen nach Angaben der Kölner Polizei größtenteils aus nordafrikanischen Ländern. Zumeist handele es sich um Asylsuchende und Personen, die sich illegal in Deutschland aufhielten. Viele Opfer und Zeugen hatten die Täter als Männer nordafrikanischer und arabischer Herkunft bezeichnet.

Absprache: Noch immer gibt es keine gesicherten Erkenntnisse darüber, ob und wie sich die Täter vorab verabredet oder organisiert haben. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) geht davon aus, dass dies der Fall war. "Wenn sich eine solche Horde trifft, um Straftaten zu begehen, scheint das in irgendeiner Form geplant worden zu sein." Die Polizei hat nach Angaben der Landeskriminalpolizei bisher keine Erkenntnisse, dass die Übergriffe in Köln an Silvester im Vorfeld geplant, organisiert und abgesprochen waren. Der Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, hält eine Verabredung von Tätern in sozialen Netzwerken für möglich. Eine Form der organisierten Kriminalität sieht er allerdings nicht.

Andere Städte: Es ist unklar, ob es zwischen den Taten in Köln und in anderen Städten zum Jahreswechsel einen Zusammenhang gibt. Unter anderem in Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart und Nürnberg gab es eine größere Zahl von Anzeigen von Frauen, die sexuell belästigt und ausgeraubt worden seien.

Information: Nach dem Bericht des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger (SPD) waren an den Kölner Gewaltexzessen größtenteils Migranten beteiligt. Die Kölner Polizei hatte dies jedoch tagelang in Abrede gestellt. Jäger hatte vor dem Innenausschuss des Landtags in Düsseldorf versichert, dass es von seinem Ministerium keinerlei Anweisungen gebe, die Identität von Flüchtlingen und Asylbewerbern bei Straftaten in amtlichen Polizeiberichten zu verschleiern. Vielmehr habe er die Kölner Polizei wiederholt zu einer Erklärung aufgefordert, dass es sich bei den Tatverdächtigen fast ausschließlich um Nordafrikaner und Personen aus dem arabischen Raum handele.

Kritik: Die Opposition im Landtag wirft Jäger vor, mehr "Fragen, Ungereimtheiten und Widersprüche" aufgeworfen statt für lückenlose Aufklärung gesorgt zu haben. Armin Laschet (CDU) und Christian Lindner (FDP) haben gefordert, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) müsse sich am Donnerstag in einer Sondersitzung des Parlaments zu Übergriffen und Polizeieinsatz äußern. Kraft habe zehn Tage zu den entsetzlichen Taten geschwiegen, ehe sie sich zu diesem Thema in einer Talkshow geäußert habe.

Angriffe auf Frauen Thema im Bundestag

Debatte Der Bundestag befasst sich heute, Mittwoch, mit den massiven Angriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln. Am Vormittag berät der Innenausschuss über den Gewaltausbruch. Die Abgeordneten erwarten dazu Auskunft vom nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD). Für den Mittag ist außerdem von 13 Uhr an eine Debatte im Plenum angesetzt. Der NRW-Landtag trifft sich am Donnerstag zu einer Sondersitzung.

Polizei Bei den massiven Angriffen auf Frauen durch Gruppen von Männer in Köln rund um den Hauptbahnhof war die Polizei außerstande, Übergriffe zu verhindern. Innenminister Jäger den Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers wegen der Geschehnisse in den einstweiligen Ruhestand versetzt. dpa