Koch der Volksseele

GUNTHER HARTWIG 30.04.2012
Vor 100 Jahren, am 2. Mai 1912, wurde Axel Cäsar Springer geboren, der Verleger von "Bild" und "Hörzu". Nach dem Krieg stieg er zum mächtigsten Meinungsmacher der Republik auf - bewundert und gehasst.

Säße Axel Cäsar Springer noch heute in seinem Büro hoch oben im 18. Stock der Berliner Verlagszentrale, könnte er mit großem Wohlgefallen auf sein Imperium blicken. Der Konzern steht, nach einer Phase voller Höhen und Tiefen, gegenwärtig so gesund wie nie da: Der Umsatz stieg 2011 um zehn Prozent auf 3,2 Milliarden Euro, fast 13 000 Mitarbeiter produzieren Zeitungen, Zeitschriften und inzwischen auch 160 Online-Medien. Aus seinem Panoramafenster würde Springer, der das Hochhaus 1959 ebenso bewusst wie provokativ unmittelbar an der Sektorengrenze errichten ließ, nicht mehr auf Mauer und Todesstreifen schauen, sondern auf die seit 22 Jahren wiedervereinigte Hauptstadt Deutschlands.

Über einen kleinen Schönheitsfehler dürfte der Mann, der den einstigen Machthabern in der DDR ähnlich verhasst war wie den Aktivisten der Studentenrebellion von 1968, inzwischen eher altersmilde lächeln. Die Straße, auf der sein Unternehmen residiert, trägt seit wenigen Jahren ausgerechnet den Namen Rudi Dutschkes, der Opfer eines Attentats wurde, von dem viele Zeitgenossen behaupten, dass es ohne die Dauer-Kampagne der Springer-Presse gegen den charismatischen Anführer der antiautoritären Jugendbewegung womöglich nie geschehen wäre. Nach dem Anschlag am Gründonnerstag des Jahres 1968 brannten Barrikaden und Lieferwagen des Verlags, die Parole "Enteignet Springer" wurde zu einer schrillen Kriegserklärung an die Adresse des einflussreichen Zeitungsmagnaten.

Für die einen war der wohl mächtigste Verleger auf dem europäischen Kontinent der nationalkonservative Buhmann, für die anderen ein Visionär und Versöhner. Der Bonner Politikprofessor Hans-Peter Schwarz bezeichnete Springer in einer Biografie als die vielleicht umstrittenste Persönlichkeit der Bundesrepublik. Ein Mann voller Widersprüche war der Hamburger allenthalben: Patriot und Populist.

Zwar galt sein ehrliches Engagement der Aussöhnung mit den Juden und der Existenzsicherung des Staates Israel, doch stellte er in den Nachkriegsjahren zugleich leitende Redakteure ein, die der NS-Ideologie durchaus nahegestanden hatten.

Springer selbst, so behauptete jüngst die italienische Groß-Verlegerin Inge Feltrinelli in einem Interview, sei - jedenfalls noch in den 1950er Jahren - "total unpolitisch" gewesen, habe sich vielmehr als Dandy und Frauenschwarm gefallen. Einer seiner Lieblingssätze aus jener Zeit sei gewesen: "Wenn ich gefragt werde, ob ich im Dritten Reich verfolgt wurde, sage ich immer: ,Nur von Frauen." Fünf Mal war Springer verheiratet. "Er war", so beschreibt der amtierende Vorstandschef Mathias Döpfner den Ahnherrn des Konzerns, "ein unglaublicher Schwerenöter." Springers letzte Gattin Friede brachte es vom schüchternen Kindermädchen zur mächtigen Millionärin, die sich mit Axel Sven Springer (46), dem Enkel ihres 1985 verstorbenen Mannes, einen langen Streit um das Familienerbe lieferte. Das letzte Wort in diesem Konflikt steht wohl noch aus.

Axel Cäsar Springer selbst war 1946 in die Fußstapfen seines Vaters Hinrich getreten, der in Altona einen Verlag aufgebaut hatte. Mit Geschick und Charme nutzte der Junior die Chance des Neubeginns für einen beispiellosen Aufstieg. Seine beiden genialsten Erfindungen waren "Bild" und "Hörzu", das Massenblatt für den Boulevard und die Illustrierte für das Fernsehpublikum. Werbefachmann Sebastian Turner lobte die publizistische Innovationskraft Springers in höchsten Tönen: "Hinter diesen Produkten steckt ein Muster, das den Marktvorausahner weit mehr als den späteren Koch der Volksseele verrät."

Freilich nutzte Springer die unerhörte Reichweite von "Bild", die es zeitweise auf eine Auflage von über vier Millionen Exemplaren brachte, und der anderen Zeitungen seines Verlages ("Hamburger Abendblatt", "Berliner Morgenpost", "BZ"), um für seine vier wichtigsten Positionen zu kämpfen - für die Wiedervereinigung, für die Soziale Marktwirtschaft, gegen jegliche Form von Extremismus sowie für die Versöhnung mit dem Judentum und das Existenzrecht Israels. Alt-Kanzler Helmut Schmidt (SPD), Hanseat wie Springer auch, gab neulich zu Protokoll: "Ich habe gewusst, der Mann ist mein Gegner." Dagegen pflegen CDU-Granden wie Helmut Kohl und Angela Merkel bis heute engste Kontakte zum Hause Springer.

Allerdings, so fügte Schmidt süffisant hinzu, sei Springers "Einfluss auf den Gang der Weltpolitik minimal" gewesen. Damit spielte der Genosse auf einen eigenmächtigen Moskau-Besuch des Verlegers im Jahr 1957 an, dessen erklärtes Ziel war, Kreml-Chef Nikita Chruschtschow für ein Ende des Kalten Krieges um Berlin und das geteilte Deutschland zu gewinnen. Springer war nämlich der Meinung, der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) unternehme in seiner Bindung an Amerika und das westliche Bündnis viel zu wenig, um die Spaltung zu überwinden. Doch die private Visite in der Sowjetunion endete für den ungebetenen Gast als Fiasko. Fortan kämpfte Springer nur noch unnachgiebiger für seine Idee von der Wiedervereinigung.

Dass er vier Jahre vor dem Mauerfall starb, war nicht die einzige Tragödie im Leben des Erfolgsmenschen und Überzeugungstäters. Sein Sohn Sven, der eine respektable Karriere als Pressefotograf und Chef einer Fotoagentur ("Sven Simon") machte, nahm sich 1980 das Leben. Dieses Ereignis stürzte Axel Cäsar Springer in tiefe Depressionen. Freunde berichteten, er habe sich in den restlichen Jahren bis zu seinem Tod von diesem Schicksalsschlag nicht mehr erholt. Bei der Präsentation einer Sonderbriefmarke zum 100. Geburtstag des Verlegers rühmte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) dessen Lebenswerk: "Mit seinen Maximen hat Axel Springer unserem Land viel gegeben."

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