Bundestrainer Der nette Herr Löw greift an

Jogi Löw hat eigentlich alles erreicht, was man als Fußballtrainer erreichen kann. Er macht trotzdem weiter.
Jogi Löw hat eigentlich alles erreicht, was man als Fußballtrainer erreichen kann. Er macht trotzdem weiter. © Foto: Federico Gambarini/ dpa
Ulm / Armin Grasmuck 08.06.2018
Bei der Fußball-Weltmeisterschaft, die nächste Woche in Russland beginnt, möchte er mit seiner Mannschaft den Titel verteidigen. Er hat alles akribisch vorbereitet, nur eine politische Debatte ist ihm spürbar unangenehm.

Natürlich ärgern sich die Franken noch heute grün und blau. Knapp 15 Jahre ist es es her, da hatten sie Joachim Löw am Haken. Der Trainer weilte zu einem privaten Treffen im Haus von Michael A. Roth, dem schillernden Präsidenten des 1. FC Nürnberg, dieses traditionsreichen Fußballvereins, der damals konstant wie labil zwischen der ersten und zweiten Bundesliga taumelte. „Ich wusste von Löws Erfolgen in Österreich, deswegen wollte ich ihn persönlich kennenlernen“, sagte Roth später einmal: „Er wäre nicht ganz billig gewesen, aber ich hätte ihm den Club damals zugetraut. Aber für viele im Verein war die Idee zu hoch.“ Das Ende der Geschichte ist bekannt. Kurz darauf wechselte Löw als Assistent des Cheftrainers Jürgen Klinsmann zum Deutschen Fußball-Bund, zehn Jahre später wurde er als Bundestrainer Weltmeister. Und die Nürnberger taumeln immer noch.

Schwer zu glauben, aber wahr: Ausgerechnet Thomas Schneider, damals sein Spieler und heute sein Assistent in der Nationalmannschaft, rasierte Löw im Sommer des Jahres 1997 auf dem Stuttgarter Marktplatz vor laufenden Fernsehkameras und Dutzenden Fotografen eine Glatze. Der Trainer hatte den VfB in seinem ersten Jahr auf dem verantwortlichen Posten zum Triumph im deutschen Pokal geführt. Er ließ sich gerne kahl scheren wie die Spieler. Im Jahr darauf erreichte Löw mit dem VfB den vierten Platz in der Bundesliga, dazu im Europapokal der Pokalsieger, den es damals noch gab, sogar das Endspiel – und wurde danach prompt und ohne Angabe plausibler Gründe entlassen.

Kann sich noch jemand daran erinnern, wie es beim Karlsruher SC daneben ging? Als „absoluter Wunschkandidat“ wurde Löw im Oktober des Jahres 1999 als Trainer des damaligen Zweitligisten vorgestellt. 18 Spiele und nur einen Sieg später warf er hin. Der KSC war Letzter der Tabelle, stieg kurz darauf ab. Löw zog weiter, in die Türkei zuerst, österreichischer Meister wurde er 2002 als Trainer des FC Tirol. Irgendwann saß er im Wohnzimmer des Nürnberger Präsidenten. Der Weg zum Heilsbringer des deutschen Fußballs war steinig. Es schien stetig bergauf zu gehen, doch Löw wandelte lange Zeit auch nah am Abgrund.

Der Bundestrainer führt die von ihm ausgerufene „Mission Titelverteidigung“ der Nationalelf bei der Weltmeisterschaft in Russland souverän und allzeit charmant an. Seine Aura, diese gelassene Überlegenheit, wirkt wie die natürliche Essenz aus seinem munteren wie bunten Werdegang und seinem gefestigtem Naturell. „Eine seiner größten Stärken ist, dass er generell in kritischen Momenten die Ruhe und Übersicht behält“, sagt Oliver Bierhoff, der als Manager der Nationalmannschaft seit zwölf Jahren Löws erster Ansprechpartner ist.

Mit natürlicher Leidenschaft

Die Bilanz, die der aus Schönau im Schwarzwald stammende Fußballlehrer seit seinem Amtsantritt im Sommer 2006 vorzuweisen hat, ist einzigartig. Löw erreichte in jedem Turnier, WM oder Europameisterschaft, mindestens das Halbfinale. Er schaffte es zudem stets und unabhängig von den Resultaten, das Spiel der deutschen Mannschaft weiter zu entwickeln und zu verfeinern. Deutschland ist Weltmeister, der deutsche Fußball auch dank Löw eine Weltmarke. „Es macht mir persönlich wahnsinnig viel Spaß, in dieser Konstellation zu arbeiten, mit so vielen inspirierenden Menschen“, sagte Löw, als er Mitte Mai seinen Vertrag als Bundestrainer vorzeitig bis in das Jahr 2022 verlängerte: „Nach der WM könnte es durchaus einen Umbruch geben. In einem Zeitraum von vier Jahren eine Mannschaft von vielen jungen Spielern vorzubereiten, das macht mir unheimlich Spaß.“ Wer Löw, wie zuletzt im Trainingslager in Südtirol, bei der täglichen Arbeit begegnet, kann leicht nachvollziehen, mit welcher Akribie und Leidenschaft er am Werk ist.

„Der nette Herr Löw“, wie er bereits zu Beginn seiner Trainerkarriere betitelt wurde, ist er bis heute geblieben. Nur der Zungenschlag hat sich verändert. Nett, das hieß noch in der Zeit, als er der zweite Mann hinter Klinsmann war, mitunter so viel wie: zu brav, zu weich, zu ruhig. Und dann dieser Dialekt: Die Komödianten der Republik jauchzten, wenn der Bundestrainer „högschde Disziplin“ von den Spielern einforderte. Nett, das heißt heute, in Zeiten des größtmöglichen beruflichen Erfolgs: bodenständig, verlässlich, von starkem Charakter. Löw, ein nachweislich humorvoller Zeitgenosse, der das lässige Schmunzeln kultiviert, hat die Spötter ohne große Worte besiegt – auf dem Platz und daneben.

Ist Joachim Löw schwul? Trägt er ein Toupet? Und stimmt es, dass er gerne mit dem Dienst-Mercedes über die Autobahn brettert? Seit seinem Antritt als höchster Fußballanleiter des Landes hat sich der Badener wie selbstverständlich mit einer ganzen Reihe hartnäckiger Gerüchte und Mythen zu beschäftigen. Er tut es auf seine Weise. Ruhig, entspannt, auch pointiert. „Das habe ich auch schon gehört“, sagte Löw der Reporterin von der „Welt am Sonntag“, die das Thema Homosexualität anriss: „Was soll ich sagen? Es ist wie mit dem Toupet. Auch das stimmt nicht.“ Von Frau Daniela, mit der er seit 1986 verheiratet ist, lebt er seit zwei Jahren getrennt. Aktenkundig ist, dass der Bundestrainer 2014 seinen Führerschein gleich für sechs Monate abgeben musste, weil er zu schnell gefahren war. Als frisch gebackener Weltmeister musste er zu der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung, im Volksmund „Idiotentest“ genannt. Er bestand und zeigte sich nach dem Fehltritt reuig: „Ich weiß, dass ich mich zügeln muss. Ich habe meine Lektion gelernt.“

Es zählt zu Löws gewinnbringenden Eigenschaften, dass er privat wie beruflich konsequent daran arbeitet, Schwachstellen – auch die eigenen – zu ermitteln und zu beheben. Mit seinem natürlichen Auftritt, mit klaren Worten und Taten ist es ihm gelungen, sein Profil stetig zu schärfen. Der Bundestrainer ist heute ein heiß begehrter Partner der Werbeindustrie. Selbstverständlich wissen auch die Kanzlerin und ihr Beraterstab, dass die regelmäßigen Treffen mit Löw und seiner Mannschaft Sympathiepunkte versprechen. Der Fußballlehrer selbst bewegt sich tadellos auf diesem Parkett.

Spürbar unangenehm ist ihm dagegen die höchst politische Debatte um die Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan, die Mitte Mai auf Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan posierten und sich damit zu Wahlkämpfern des Despoten degradieren ließen. Am ersten Tag des Trainingslagers in Südtirol versuchte Löw, das Thema für beendet zu erklären. Doch es köchelt bis heute.

Der Bundestrainer hat durch die frühere Arbeit in der Türkei und seinen türkischen Berater einen eigenen Zugang zu dieser Problematik. Der Feingeist in ihm spürt das weit verbreitete Grummeln. Hätte er in diesem Fall härter durchgreifen, Özil und Gündogan aus dem WM-Kader streichen müssen? Löw versucht, die sportlichen Aspekte in den Vordergrund zu stellen. Er baut auf die beiden Mittelfeldspieler, die er auf seiner Mission in Russland für unersetzlich hält.

Klares Leitmotiv

Wie klar und präzise sein Blick auf die WM ist, wurde in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich. Nur den Spielern, die sich mit voller Konzentration und Hingabe dem sportlichen Höhepunkt des Jahres widmeten, gewährte Löw die Aussicht auf einen Platz in seiner Auswahl für Russland. Die Erfolge von einst waren für ihn keine Argumente. Er strich Mario Götze, der im Finale der WM 2014 den Siegtreffer erzielt hatte, aufgrund akuter Formschwäche – und André Schürrle, den Vorbereiter des goldenen Tores, ebenfalls. Angreifer Sandro Wagner und zuletzt Leroy Sané, das Top-Talent, sortierte der Bundestrainer aus, weil er den eingeforderten Mannschaftsgeist zu vermissen schien.

„Über allem steht die WM“, so hat Löw sein Leitmotiv umrissen: „Den WM-Titel zu gewinnen, das ist mein und unser aller Ziel.“ Sein Anspruch, den Triumph von 2014 zu wiederholen, ist einmal mehr der höchste. Scheitert die Mission unerwartet früh, ist auch der frisch unterschriebene Arbeitsvertrag nur noch von halbem Wert. Den Nürnbergern, so viel steht fest, wird Löw aber auch in Zukunft nur kurze Besuche abstatten.

Guter Spieler, brillanter Trainer

Joachim „Jogi“ Löw wird 1960 als Sohn eines Ofensetzers in Schönau geboren. Nach der Mittleren Reife macht er zunächst eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, widmet sich aber schnell seiner Profikarriere im Fußball. Diese will nicht so recht zünden. Löw spielt ab 1978 beim Zweitligisten SC Freiburg, dann in der Bundesliga beim VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt und dem Karlsruher SC, dann wieder in der Zweiten Bundesliga für den SC Freiburg. Seine Bilanz in der ersten Bundesliga: 52 Spiele, sieben Tore, keine Meisterschaft. Anders seine Bilanz als Trainer: 1997 gewinnt er mit dem VfB Stuttgart den DFB-Pokal, 2002 wird er mit dem FC Tirol Innsbruck österreichischer Meister und 2014 schließlich Weltmeister. Löw ist seit 2006 Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft. toc

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