Die Frage treibt alle um, die mit dem Buben aus Lenzkirch im Hochschwarzwald zu tun hatten: Was hätte geschehen müssen, um Alessio vor seinem gewalttätigen Stiefvater zu schützen? Spontane Antwort: Ihn aus der Familie nehmen. Das jedoch ist nicht so einfach. Und das ist einer der Knackpunkte in dieser Tragödie mit Vorwarnung und tödlichem Ausgang für Alessio.

Der Verdacht, dass das Kind vom Stiefvater geschlagen wurde, bestand von Anfang an. Bereits im Sommer 2013 wurde Alessio schwer verletzt in der Kinderklinik des Universitätsklinikums Freiburg aufgenommen. Im Sommer 2014, als er dort erneut behandelt werden musste, erstattete die Klinik Strafanzeige gegen Unbekannt und warnte das Jugendamt, das die Familie seit Jahren betreut, das Kind dürfe nicht dorthin zurück. Schon davor hatten Kinderärzte darauf hingewiesen, dass Alessio misshandelt werde.

Er blieb trotzdem in der Familie. Am 16. Januar starb er in der Praxis eines Kinderarztes. Der Stiefvater steht im Verdacht, den Kleinen totgeprügelt zu haben. Er sitzt in Untersuchungshaft. Nun fragen sich viele, wie das geschehen konnte trotz aller Hinweise auf massive Misshandlungen.

Darauf gibt es nicht nur eine und schon gar keine einfache Antwort. Gewiss spielen die vorgegebenen Handlungsabläufe in den Behörden eine Rolle. Kein Jugendamt kann der Familie einfach ein Kind wegnehmen. Das muss das Familiengericht anordnen. Das ist so, weil das Grundgesetz die Familie unter den "besonderen Schutz des Staates" stellt. Damit hat das Jugendamt zunächst die Aufgabe, der Familie bei Problemen zu helfen und sie zusammenzuhalten. Erst wenn keine Aussicht auf Besserung besteht, wird sich das Jugendamt an das Familiengericht wenden. Doch bei Alessio kooperierten die Eltern. Sie akzeptierten Auflagen, nahmen Familienhilfe und Dorfhelferin in Anspruch, machten eine Familientherapie und brachten Alessio alle zwei Wochen zum Kinderarzt. In so einem Fall hat ein Antrag auf "Inobhutnahme" des Kindes durch staatliche Behörden wenig Chancen.

"Für uns ist die Inobhutnahme das letzte Mittel, um das Kindeswohl zu schützen", sagt Thomas Henninger, Familienrichter am Amtsgericht Rottweil. Das werde nur eingesetzt, wenn alle ambulanten Hilfen nicht mehr ausreichten und klar sei, dass das Kind emotional, physisch oder psychisch misshandelt oder vernachlässigt werde.

Dabei müsse der "Grundsatz der Verhältnismäßigkeit" gelten, sagt sein Kollege Jörg Dimmler aus Stuttgart. Jeder Fall müsse gründlich abgewogen werden. "Aber wenn es evidente Verdachtsmomente gibt, nehme ich das Kind heraus." Schließlich habe auch das Kind das Recht, geschützt zu werden. Urteile des Bundesverfassungsgerichts (BVG) aus 2014 hätten aber immer wieder für eine Verschiebung zugunsten des Elternrechts gesorgt. In den Urteilen hatte das BVG den von anderen Gerichten angeordneten Inobhutnahmen widersprochen. Dass aus Kostengründen gegen eine Inobhutnahme entschieden wird, hält Henninger für unwahrscheinlich. Zwar sei die ambulante Familienhilfe die bei weitem günstigste Unterstützung. Das dürfe aber kein Kriterium sein. Im Landratsamt Sigmaringen ist zu erfahren, dass eine ambulante Begleitung je nach Stundenumfang zwischen 7000 und 12.000 Euro pro Jahr und Person kostet. Die Unterbringung in einer Pflegefamilie kostet den Kreis pro Jahr und Person 12.000 bis 15.000 Euro. Fast viermal so teuer ist die Unterbringung in einem Heim. Henninger sagt, das sei jedoch nicht der Grund, warum Heimunterbringungen eher die Ausnahme" sind. "Wesentlich öfter kommen die Kinder in Pflegefamilien." Dort könnten sie Familie in positiver Form erleben.

Mit einem ähnlichen Fall wie in Lenzkirch war das Landratsamt Tuttlingen vor drei Jahren konfrontiert. Ein zweijähriges Mädchen verhungert und verdurstete an Pfingsten 2012 in der Wohnung, weil die Mutter es tagelang allein gelassen und zuvor schon vernachlässigt hatte. Das Jugendamt kannte die schwierigen Verhältnissen und betreute die Familie. Maja starb trotzdem.

Kurz darauf wurde die Projektgruppe "Kindeswohlgefährdung" gegründet. Sie prüfte Strukturen und Netzwerke, machte Verbesserungsvorschläge. Ein Kriseninterventionsdienst und Familienberatungsstellen wurden eingerichtet. "Doch einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht", sagt Bernd Mager, Sozialdezernent im Tuttlinger Landratsamt. Er ist sicher, dass so etwas wieder passieren kann. Auch eine bessere personelle Ausstattung des Jugendamts und eine intensivere Betreuung hätten den Tod des Mädchens nicht verhindern können, sagt er. Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung gebe es nicht.

In Freiburg läuft nun die Aufarbeitung des Falls Alessio. Allen Beteiligten ist klar, dass einiges schief gelaufen ist - auch wenn die vorgegebenen Verfahrensabläufe eingehalten wurden. Was, das soll eine Expertenkommission herausfinden. Darin sitzen Vertreter der Justiz, der Ärzte, des Uniklinikums und des Jugendamts. "Alle Akteure sind aufgerufen herauszuarbeiten, was wie gelaufen ist und warum - und was getan werden muss, damit so etwas nicht mehr passiert", sagt Charlotte Niemeyer, Direktorin des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Freiburg. "Das sind wir Alessio schuldig."

Nur ein Bruchteil wird bekannt

Hohe Dunkelziffer Studien gehen davon aus, dass der größte Teil von Kindesmisshandlungen nicht an die Öffentlichkeit dringt und etwa 10 bis 15 Prozent aller Eltern ihre Kinder wiederholt schwerwiegend körperlich strafen. Mädchen und Jungen werden dabei etwa gleich häufig Opfer dieser Übergriffe - Mütter und Väter wiederum sind gleich oft die Täter.