Bildung Kinderbetreuung: Masse oder Klasse?

Spielen und Lernen: Die frühkindliche Bildung in Deutschland soll besser werden.
Spielen und Lernen: Die frühkindliche Bildung in Deutschland soll besser werden. © Foto: © DeeMPhotography/Shutterstock.com
Berlin / Michael Gabel 19.08.2018
Mit einem Milliardenprogramm hilft der Bund den Kitas. Die Länder setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte.

In der Bildungspolitik gibt die deutsche Hauptstadt selten Anlass zur Freude, wie viele Ländervergleiche zeigen. Umso mehr ist man in Berlin stolz darauf, in diesem Sommer etwas geschafft zu haben, was dem Rest der Republik nicht gelungen ist: die Kita-Gebühren vollständig abzuschaffen. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) spricht stolz von einer „spürbaren finanziellen Entlastung für viele Eltern“. Gerade ärmere Familien würden profitieren.

Doch die für viele gewiss erfreuliche Entwicklung hat einen Schönheitsfehler: Allein durch den Wegfall der Gebühren für das erste Krippenjahr entgehen dem Land Berlin jährliche Einnahmen in Höhe von rund sieben Millionen Euro. Geld, das am Ende fehlen könnte, wenn es darum geht, mehr Erzieher einzustellen, die Gruppen zu verkleinern und insgesamt die Qualität der Kinderbetreuung zu verbessern.

Gute-Kita-Gesetz der Bundesregierung

Unter Experten ist unstrittig, dass frühkindliche Bildung Kindern aus ärmeren Elternhäusern bessere Startchancen ins Leben gibt und die Integration von Jungen und Mädchen aus Migrantenfamilien fördert. Die Bundesregierung hat deshalb ein Sonderprogramm für die Kitas in Höhe von 5,5 Milliarden Euro beschlossen: das sogenannte Gute-Kita-Gesetz. Sie will es Ende August in den Bundestag bringen.

Die Länder stellt der Geldsegen vor die Grundsatzfrage: Was ist uns mehr wert – die Eltern zu entlasten, damit möglichst alle ihre Kinder bald nach der Geburt in die Kita schicken? Oder soll man jeden Euro nehmen, um die Rahmenbedingungen zu verbessern – ein Weg, für den sich Bayern und Baden-Württemberg entschieden haben?

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) ist davon überzeugt, dass beides geht: „Mit dem Gute-Kita-Gesetz entlasten wir die Eltern und verbessern die Qualität“, verspricht sie. Doch ganz sicher scheint man im Ministerium nicht zu sein, dass die Länder das Geld  auch zweckmäßig verwenden. Deshalb will man mit jedem Bundesland Zielvereinbarungen abschließen und „bewerten, was gebraucht wird und was verändert werden muss“.

15,3 Milliarden Euro zusätzlich

Laut Bertelsmann-Stiftung lassen sich die Ziele Beitragsfreiheit und Qualitätsverbesserung so allerdings kaum unter einen Hut bekommen. In einer Studie vom Mai kommt die Stiftung auf einen Betrag von 15,3 Milliarden Euro, den der Staat jährlich zusätzlich investieren müsste, um den Kita-Besuch gebührenfrei zu machen und die Einrichtungen dennoch auf ein gutes Niveau zu bringen. 7,3 Milliarden Euro würde es kosten, wenn Eltern bundesweit nichts mehr zahlen müssen. Weitere acht Milliarden Euro wären nötig, damit die Kitas beispielsweise auf die von der Stiftung empfohlenen Betreuungsschlüssel von einem Erzieher auf drei Kinder bei unter Dreijährigen und einem Erzieher auf 7,5 Kinder bei Drei- bis Sechsjährigen kommen. Das Urteil des Stiftungsvorstands Jörg Dräger über das Gute-Kita-Gesetz fällt dementsprechend vernichtend aus. „Dem politischen Versprechen der Beitragsfreiheit fehlt die finanzielle Substanz“, sagt er. „Es ist zu befürchten, dass die Qualität auf der Strecke bleibt.“

Bildungsgerechtigkeit

Weniger dramatisch sieht der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, die Situation. „Mit den 5,5 Milliarden Euro könnte man einen großen Schritt nach vorne machen, und zwar sowohl, was die Qualität, als auch was die Bildungsgerechtigkeit betrifft“, sagt er dieser Zeitung. Den Trend zu mehr Beitragsfreiheit sehe er „grundsätzlich positiv, weil so Anreize geschaffen werden, dass so viele Kinder wie möglich in die Kitas gehen“. Er fordert den Bund allerdings dazu auf, sicherzustellen, dass die Kommunen den Geldsegen nicht etwa nutzen, um andere Löcher in ihren Haushalten zu stopfen. „Die Mittel müssen gezielt zur Stärkung der Kitas eingesetzt werden.“ Neben mehr Personal bräuchten diese mehr Entlastung, „zum Beispiel indem man Netzwerke mit Sozialarbeitern und Psychologen aufbaut und die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Jugendhilfe verstärkt“.

Baden Württemberg plant Qualitätsverbesserung

Baden Württemberg will seine Bundesmittel in Höhe von rund 400 Millionen Euro bis 2022 „ganz klar in die Qualität stecken“, wie Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) auf Anfrage sagt. Geplant sei eine Ausbildungsoffensive, um dem Erziehermangel entgegenzuwirken, darüber hinaus eine verbindlichere Sprachförderung und eine stärkere Kooperation zwischen Kita und Grundschule. „Außerdem sind wir uns darüber einig, dass wir die Bundesmittel zur Finanzierung von Leitungszeit einsetzen wollen“, betont Eisenmann. Erreicht werden sollen die Ziele durch einen Pakt mit den Kommunen, den freien Trägern und der Kindertagespflege.

Der Gratis-Kita-Besuch ist derweil gar nicht so beliebt wie manche Politiker glauben. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung wären 83 Prozent der Berliner Eltern sogar bereit, mehr zu bezahlen, wenn dafür die Qualität besser würde. In Baden-Württemberg sind es 60 Prozent.

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Der Wohnort entscheidet mit

Wieviel die Kinderbetreuung kostet, wird in den Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt. Ein Überblick:

Berlin: seit diesem Sommer beitragsfrei.

Rheinland-Pfalz: für Kinder ab zwei Jahren  beitragsfrei.

Bremen (ab 2019) und Niedersachsen: Für Drei- bis Sechsjährige beitragsfrei:

Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen: letztes Kita-Jahr beitragsfrei.

Baden-Württemberg, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und Schleswig-Holstein: soziale Staffelung nach Einkommen möglich.

Hamburg, Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt: Sonderregelungen mit teilweiser Befreiung in Hamburg.
epd

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