Auch der Ausnahmezustand kennt Normalitäten. Da steht ein halbes Dutzend Jungs auf einer Terrasse über Thessaloniki und blinzelt in die Frühlingssonne. Idylle am Stadtrand, Wolkenfetzen im Nachmittagshimmel, die ersten Bäume blühen. Die Jungs kommen aus Afghanistan, sind zwischen 14 und 16 Jahre alt, sie tragen Flipflops, Jogginghosen und Kapuzenpullis. Einer fummelt an seinem Handy herum, einer hat riesige Kopfhörer um den Hals und tut ziemlich cool, zwei knuffen sich in die Hüften und versuchen, sich zum Lachen zu bringen. Große Kinder, die gemein haben, dass ihre Kindheit zu früh endete.

Irida Pandiri ist hier so etwas wie Mutter auf Zeit. Die Sozialarbeiterin arbeitet für die Hilfsorganisation Arsis, die sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert. 24 von ihnen leben hier in den Häusern eines Waisenheims auf einem Hügel vor Thessaloniki. Der Staat stellt das Gelände, Arsis betreibt es. Gestiftet hat es Königin Friederike von Griechenland, 1947, mitten im Bürgerkrieg. Damals litt Griechenland noch unter den Zerstörungen von Zweitem Weltkrieg und deutscher Besatzung, es gab massenhaft Waisen und Flüchtlinge. Das Anwesen über der Stadt muss wie ein Leuchtturm gewirkt haben.

Jetzt ist seit vier Tagen das Wasser abgestellt. Man riecht es, wenn man durch die Häuser geht, es riecht nach Mensch und Essen. Im Aufenthaltsraum ist es eiskalt, Irida Pandiri deutet entschuldigend auf einen Stapel Decken im Regal. Sie sagt, das Geld für Unterhalt und Gehälter - 75 Prozent trägt die EU, 25 der Staat - komme unregelmäßig. Griechenland ist pleite, die Krise hält das Land fest im Griff, und wie es immer ist, packt die Not jene am härtesten, die am wenigsten in der Lage sind, sich selbst zu schützen.

Rund 3000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben offiziell in Griechenland. Experten gehen davon aus, dass die wahre Zahl sehr viel höher liegt. Durch die Krise hat sich die Lage der Flüchtlinge und Migranten erheblich verschlechtert. Der Staat kann kaum seinen eigenen Bürgern helfen, viele Griechen leiden selbst Not. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 27 Prozent, Renten und Gehälter wurden im Schnitt um 30 Prozent gekürzt, Armenspeisungen erleben in vielen Städten einen ungeahnten Zulauf. Die neue linke Regierung spricht von einer "humanitären Katastrophe".

Läuft man durch Thessaloniki oder Athen, sieht man die Krise. Sie schaut einen aus geschlossenen Geschäften an, aus Wohnungsfenstern mit Schildern "Zu verkaufen" und aus den Augen der Bettler. Die Ärmsten der Armen waren immer schon die Heimatlosen. Und waren die Zustände für Flüchtlinge in Griechenland, das auf der Route aus Nahost nach Mittel- und Nordeuropa liegt, schon vor der Krise schlimm, sind sie jetzt katastrophal.

Gleichzeitig spitzt sich das Problem zu, denn der Strom schwillt an. 43 500 Flüchtlinge und Migranten kamen laut Uno-Flüchtlingswerk UNHCR vergangenes Jahr übers Meer nach Griechenland - 280 Prozent mehr als im Vorjahr. Sie treffen auf ein völlig marodes Asylsystem. Der UNHCR warnt, die Zustände seien "mangelhaft". Dass bescheinigt auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Das Asylverfahren habe "systemische Mängel" urteilten die Richter, sie sahen die "Gefahr einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung".

Die Folge: EU-Staaten wie Deutschland haben das "Dublin-System", das besagt, dass Flüchtlinge nur im Erstaufnahmeland Asyl beantragen dürfen, für Griechenland ausgesetzt. Seit 2011 schiebt Deutschland keine Asylbewerber mehr nach Griechenland ab. Zwar hat Athen unter Druck Reformen begonnen, aber zu sagen, diese stockten, wäre beschönigend.

"Das griechische Asylsystem ist insgesamt dysfunktional", urteilt die Ethnologin und Journalistin Salinia Stroux. "Und für unbegleitete Minderjährige gibt es gar kein Schutzsystem, das zentrale Mittel im Umgang mit ihnen ist Haft." Die 36-Jährige sitzt an einem verregneten Abend in einem Restaurant in Athen und erzählt von ihrer Arbeit. Stroux ist Streetworkerin und arbeitet mit Flüchtlingen, zur Zeit schreibt sie für "Pro Asyl" einen Bericht über die Lage unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge im Land.

Die meisten kommen mit Booten aus der Türkei und landen auf Ägäis-Inseln, sagt Stroux. Der Großteil stammt aus Afghanistan, Syrien und afrikanischen Ländern. Manche Jugendliche ziehen allein in ihrer Heimat los, andere werden auf der Flucht von ihren Familien getrennt. Treffen unbegleitete Jugendliche in Griechenland auf die Polizei, würden sie registriert und monatelang in Polizeigefängnissen inhaftiert. Dort seien sie im schlimmsten Fall Gewalt durch Mitgefangene und Wärter ausgesetzt, im Idealfall könnten sie Asylanträge stellen. Danach kämen sie in offene Unterkünfte, die aber knapp und daher überbelegt seien. Kinder unter zwölf kämen in Krankenhäuser, für ältere ist der Staatsanwalt zuständig, ein Jugendamt gibt es nicht.

Viele junge Flüchtlinge geben bei der Polizei an, erwachsen zu sein, davon erhofften sie sich, schneller aus der Haft zu kommen. Klappt das, schlügen sie sich allein durch, viele lebten auf der Straße. Denn in Griechenland bleiben wollen die wenigsten. Warum auch? Wer von seiner Familie getrennt wurde, versuche, sie wiederzufinden. Und wer geschickt wurde, im Westen zu arbeiten und Geld nach Hause zu schicken, stehe unter großem Druck, das auch zu schaffen.

"Viele verlassen die offenen Unterkünfte im ersten Monat", sagt Stroux. "Die melden das dann zum Eigenschutz der Polizei und so landen die Jugendlichen immer wieder in Haft." Dabei wollen die meisten jungen Flüchtlinge einfach weg, am besten nach Nordeuropa. Schweden stehe hoch im Kurs, Deutschland auch. Griechenland nicht, Griechenland ist das notwendige Übel mit den vielen Inseln und der langen EU-Außengrenze.

"Die Afghanen sagen, Griechenland ist der Iran von Europa", erzählt Irida Pandiri auf der Terrasse in Thessaloniki und lacht trocken. Besser als Afghanistan, soll das heißen, aber kein Platz zum Bleiben. Die Afghanen selbst drucksen herum, sagen, sie seien unschlüssig. Einer von ihnen, Morteza, ein 15-Jähriger, der sechs Monate in Haft war, bevor er ins Waisenhaus kam, sagt, er träume von einer Zukunft in Deutschland. Pandiri sagt den Jungs, sie sollten bleiben, es in Griechenland versuchen. Aber auch sie weiß, dass ihr Land ein Transitland ist und den Jugendlichen weder Arbeit noch Sicherheit bieten kann. "Wenn sie hier ankommen, sagen 100 Prozent, dass sie nicht bleiben wollen. Später sind es dann nur noch 95 Prozent."

Lage in Deutschland

Zahlen Deutschland ist unter unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ein beliebtes Ziel. Zugleich steigen die Zahlen, da sich die Fluchtgründe in vielen Weltregionen zuspitzen. Laut Statistischem Bundesamt kamen 2013 rund 6600 Kinder und Jugendliche ohne Begleitung. 2008 waren es noch 1100.

Verfahren Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge genießen besonderen Schutz. Werden sie aufgegriffen, muss das Jugendamt eingeschaltet werden. Es muss klären, wer die Jugendlichen sind, wo sie herkommen, ob sie Familie haben, krank oder traumatisiert sind. Dann werden sie unter Obhut des Jugendamts untergebracht, sie haben das Recht auf einen Vormund und Schulbesuch. Parallel wird ihr Aufenthaltsstatus geklärt.